(irr) Als Meister wurde er verehrt, als wichtigster Musikexport Spaniens, als weltbester Gitarrist, ja als "Gott". Und dennoch: Paco de Lucía ist auf der Bühne stets ein Mann der Demut geblieben, einer, der sich zurücknahm, um die Mitglieder seines Flamenco-Ensembles tanzen, singen und glänzen zu lassen. Gleichwohl wusste er um seine Strahlkraft und die damit verbundene Bringschuld - und streute manches Solo ein. Das begann dann gern mit luftigen Ornamenten, verdichtete sich zu markanten Linien, explodierte in brettharten Staccato-Salven. Kurz: Superlative waren bei dieser Kunst am rechten Platz. Nun wurde ihr Schöpfer aus dem Leben gerissen. Der 66-Jährige starb an einem Herzinfarkt, als er in Mexiko am Strand mit seinen Kindern spielte, heißt es aus Spanien. Seine Heimatstadt Algeciras rief eine dreitägige Trauerzeit aus.

Dort wurde Paco de Lucía (der eigentlich Francisco Sánchez Gómez hieß und mit dem Künstlernamen seine Mutter Lucía Gómez ehrte) am 21. Dezember 1947 geboren. Der Vater, selbst Flamenco-Enthusiast, ermunterte das heranwachsende Talent zum traditionellen Flamenco-Unterricht - also zum Ohrenspitzen und Nachspielen. Notenlesen hat Paco de Lucía angeblich nie gelernt, auch wenn er bei einem seiner Klassikabstecher im Jahr 1991 das beliebte "Concierto de Aranjuez" interpretierte.

Seine stilistische Umtriebigkeit machte sich schon früher bemerkbar: 1973 gelang ihm der Durchbruch mit "Entre dos Aguas", einem Stück aus einem hybriden Genre namens Rumba Flamenca. De Lucía, bis 1992 Bühnenpartner des beliebten Flamencosängers Camarón de la Isla, hat die andalusische Musiktradition nicht nur auf epochalen Alben gefeiert - er hat sie, neben Kollegen wie Enrique Morente, behutsam renoviert. Bereichert um neue instrumentale und stilistische Farben, errang der Nuevo Flamenco weltweite Beachtung - auch wenn die Traditionalisten daheim kräftig schimpften.

Diesem Tadel ist es vielleicht auch geschuldet, dass der Gitarrist gar so demonstrativ betonte, stets ein Mann des Flamencos zu sein - auch wenn er fallweise mit stilfremden Kollegen spielte. Dass auch solche Experimente Meisterwerke nach sich ziehen konnten, ist freilich unumstritten, das Album "Friday Night in San Francisco" (mit den Jazzgitarristen Al Di Meola und John McLaughlin) legendär. Dabei war de Lucía auch dem Pop nicht abhold: Es ist der Spanier, der bei Bryan Adams’ "Have You Ever Really Loved A Woman?" die Flamenco-Gitarre karessiert.