Weihnachtsshow von The Cure. - © Achim Jöhnk
Weihnachtsshow von The Cure. - © Achim Jöhnk

London. Das mit der Nostalgie ist so eine Sache: Zum einen verklärt sie die Vergangenheit, zum anderen steckt in ihr aber oft auch ein Funken Wahres: Wie sonst könnte man sich den Wehmut erklären, der angesichts der Umbenennung des legendären Hammersmith Odeon Theaters im Westen Londons in Eventim Appollo viele Musikfreunde befällt? Benannt ist das alte Theater jetzt nach dem größten Ticketkonzern Europas, sein Chef, der Deutsche Klaus-Peter Schulenberg, zählt zu den mehr als 1.400 Milliardären, die es weltweit gibt. Denn das Ticketgeschäft ist mittlerweile ein lukratives Provisionsgeschäft geworden, beim Internetverkauf liegt die Wertschöpfung sechsmal höher als beim normalen Verkauf.

Nun ist Hammersmith nicht einfach eine Konzerthalle, sondern ein Stück Musikgeschichte: die Beatles traten dort viele Male auf (wenngleich, folgt man den Erzählungen von Augenzeugen eines Konzerts im Jahr 1964, kaum etwas von der Musik zu hören war, weil die Mädchen so laut kreischten), David Bowie gab dort sein letztes Konzert als Ziggy Stardust, Bob Dylan fiel im Odeon einmal sturzbetrunken vom Hocker und Motörhead benannten gar ein Live-Album danach: No Sleep till Eventim Apollo? Undenkbar! Nostalgie kann auch auf die Bitterkeit der Realität hinweisen.

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Und sie kann auch Freude bereiten. Vor allem dann, wenn man es mit dem musikalisch einwandfreien und durchdeklinierten Live-Eklektizismus von The Cure zu tun hat. Vor 30 Jahren spielten sie im Hammersmith Odeon gemeinsam mit der englischen Band And Also the Trees (AATT) ein Konzert, und dieses nahmen sie zum Anlass, wieder dort zu gastieren, und zwar gleich an drei Abenden, allesamt ausverkauft.
Beide Bands zählen zu den frühen Protagonisten des englischen Postpunk, der Musikrichtung also, welche die pressierende Energie des Punk mit dem Schönen, dem oft Trostlosen und Düsteren aushöhlte. Und auch wenn an den drei vorweihnachtlichen Shows Nostalgie im Spiel war, so driftete sie nicht in Sentimentalität ab. Es waren also keine Früher-war-alles-besser-Konzerte - was wohl auch damit zu tun hat, dass sowohl Cure-Frontman Smith mit kratzend hoher und klagender, sowie Simon Jones von The Trees mit sonorer Stimme von Erlebnissen und Gefühlen singen, die auch heutzutage noch jeder versteht: Entfremdung, Angst, Verlust, Liebe. Und hinzu kommt Musik, die unter die Haut geht.

Bei AATT waren es an jenen Abenden vor allem Virus Meadow und Slow Pulse Boy aus früheren sowie Rive Droite aus jüngeren Jahren, mit letzterem bewies das Quintett, dass es nach wie vor, allen voran Dank Justin Jones feinem Gitarrenspiel, die Kunst beherrscht, langsam aufbauend eine durch und durch explosive Stimmung zu erzeugen. Einziger Wermutstropfen: als Vorband waren ihnen nur 30 Minuten beschert. Auffallend war auch das dezent aber prägnant eingesetzte Licht, das den schönen, kraftvollen Auftritt der Band perfekt unterstrich, eine Subtilität von der bei The Cure leider nicht die Rede sein konnte. Damit ist nicht der ausgeklügelte, unendliche Spiegel gemeint, der die Band bis ins Kleinste fast unendlich ins Bühnenhintere projizierte, sondern die für das Theater mitunter etwas zu pompöse, zu bunte Lichtshow der Kategorie Stadion-Rock. Weniger wäre hier durchaus mehr gewesen.