Zu den bekanntesten Aufnahmen des bald siebzigjährigen US-Ausnahme-Pianisten Keith Jarrett zählt der Live-Mitschnitt seines Solo-Konzerts in Köln, das vor vierzig Jahren - genauer: am 24. Jänner des Jahres 1975 - in der dortigen Oper stattfand. Im Rahmen der 1974 gestarteten Reihe "New Jazz in Cologne" trat Jarrett an einem nur mäßigen Stutzflügel an, dem er aber erstaunliche Töne entlockte. Die Aufnahme ist bei ECM sowohl als Doppelvinyl-Platte oder auch als CD verfügbar.

Das Cover eines der meistverkauften Jazz-Alben. - © Bild: wikipedia
Das Cover eines der meistverkauften Jazz-Alben. - © Bild: wikipedia

Kölner Legenden

Köln, Bremen und Lausanne markierten bereits eine Phase großer Popularität und grenzüberschreitender Experimente Jarretts, die dem Publikum vielgestaltige, an Improvisationen und an Spontaneität reiche Abende bescherten. "The Köln Concert" liegt an der Wegscheide zwischen Klassik und Jazz, wobei die Rhythmik und die Improvisationstechnik ein Schwergewicht für jenen zeigen. Die Spontanimprovisationen inspirierten Experten wie etwa Joachim-Ernst Berendt ("Ein Fenster aus Jazz", Fischer, Frankfurt/Main 1978) dazu, von "totaler Musik" zu sprechen. Wenn dieser Ausdruck irgendeinen unideologischen Sinn habe, dann sei das, was Jarrett spiele, "totale Musik", so Berendt. Jarrett selbst schätzt Kategorisierungen wenig, nach seiner Meinung soll Musik in die Zukunft gerichtete Visionen transportieren, statt in Schubladen der Vergangenheit zu landen.

Um die Abläufe in Köln ranken sich jedenfalls einige Legenden - bis hin zu einer defekten Klaviermechanik. Obwohl der übermüdete und hungrige Pianist nach den Missgeschicken bereits absagen wollte und nur durch die damals neunzehnjährige Tochter eines Kölner Zahnarztes, die Jung-Managerin Vera Brandes, überhaupt noch zum Auftritt zu bewegen war, gelang ihm an diesem Abend ein besonders dynamisches Konzert. Brandes ist heute als Musiktherapeutin tätig und lebt mit ihrem Gatten, dem emeritierten Mozarteum-Rektor Roland Haas, einem Dramaturgen, in Wien.

Die beiden sind auch als Autoren von Fachbüchern an die Öffentlichkeit getreten, deren - nicht unumstrittene - Grundthese sich auf die "heilende Wirkung" von Musik stützt. In differenzierter Form trifft die Annahme einer antidepressiven Wirkung von Musik gewiss zu (Lloyd Cole nannte eines seiner Alben "Antidepressant"), wenn auch ein klinischer Nachweis bis heute aussteht.