Ende des Gebells

Zu alledem verzichtet Bob Dylan bei diesen live eingespielten Songs auf das Gebell und zaubert - Überraschung! - ebenso bemüht wie beinahe astrein blaue Noten aus dem Schlund. Ein aus der Zeit gefallener, nach alten Radiogeräten mit Holzvertäfelung und UKW-Drehknopf klingender, an die Blumentapete der Uroma im Seniorenheim erinnernder Charakter macht sich breit. Dieser mag so gemächlich daherkommen, wie er sich im Laufe dieser konzentrierten Arbeit als durchwegs poetisch erweist. Das von Bob Dylan zurückhaltend, doch innig im zerrissenen Verzehrmodus gegebene "I’m A Fool To Love You" eröffnet zu matten Noir-Tönen aus der Dunkelkammer des Herzens als Steilvorlage. Lichter hingegen zeichnet die Kontemplation "The Night We Called It A Day" vergilbte Bilder einer Hängematte an der Riviera vor das geistige Auge. Damit ist auch der dem Album eigene Grundton aus leiser Sehnsucht und stiller Verzweiflung auskomponiert.

Hotelbar im Himmel

"Autumn Leaves" fallen durch den Regen zu Boden. Im Schatten des Mondlichts sehnt sich Bob Dylan nach offenen Armen. Das Schelmenstück "Why Try To Change Me Now" wiederum klingt, wie man sich die Hotelbarbeschallung im Himmel vorstellen würde. Und mit seinem Zugang zu "That Lucky Old Sun" als um Erlösung ringendes Finale ringt Dylan dem Song eine gänzlich andere Note ab als etwa Johnny Cash im Rahmen seiner "American Recordings".

Die Beschäftigungstherapie für Dylan-Freunde ist am Ende zwar auch mit diesem Album garantiert - nicht nur, weil eine selbstreferenzielle Lesart von Stücken wie "Stay With Me" die Kernsujets des Meisters persönlich widerspiegelt: Es ist noch nicht dunkel, aber die Richtung stimmt. Über langen Straßen erweist sich das Wetter als Windhund. Zuflucht vom Sturm wird im Glauben gesucht und in der Liebe gefunden. Nötig ist diese Metaebene aber nicht. Auch für sich genommen bleibt "Shadows In The Night" ein so erstaunliches wie erstaunlich ergreifendes Album.

Bob Dylan: "Shadows In The Night" (Columbia/Sony)