Auf in den Frühling mit Musik. - © Daniel Jokesch
Auf in den Frühling mit Musik. - © Daniel Jokesch

Als astronomischen Frühlingsbeginn kennt und schätzt die Nordhalbkugel der Erde noch bis ins Jahr 2048 den 20. März. Sollte sich das Wetter als vom Stichtag unbeeindruckt erweisen, hilft nur mehr Musik. Im Folgenden also meteorologisch-popkulturelle Fusionsnotizen mit Hörbeispielen.

Sigur Rós: Gobbledigook. Als "Das finstere Tal" der echten Welt gilt Viganella im Piemont. Die umliegenden Berge sorgten traditionellerweise dafür, dass 170 Einheimische knapp drei sehr lange Wintermonate lang keiner Sonne ansichtig wurden. Erst die Montage einer Spiegelvorrichtung brachte im Jahr 2006 einen Hauch jener Linderung, die man sich in vergleichbar dusteren Gebieten zwischen Sibirien, Finnland und Ebensee hart mit Vodka und Schnaps erarbeiten muss. Da nur ein kleiner Teil des Tals von der Lichtspiegelung erreicht werden kann, bleibt die Möglichkeit, "I See A Darkness" von Bonnie "Prince" Billy zur Ortshymne zu ernennen, aber weiterhin gegeben. Trotz ähnlicher Lichterfahrungen in ihrer isländischen Heimat spielten sich Sigur Rós mit "Gobbledigook" 2008 hocheffizient von Kälte und Schatten frei. Ein Song, so frisch wie der Morgentau, so zart wie die Kirschblüte, so leichtfüßig wie eine Primaballerina, über Wiesen aus Zuckerwatte tänzelnd.



Prince: Sometimes It Snows In April.
Nicht nur Eisbären, Auerhähne und Luchse beginnt es spätestens im März erheblich zu jucken. Auch der Mensch im Frühling: immer ein wenig wurlert und ding. Weniger Kleidung. Mehr Reize. Dazu erhöhte Lockstoffwerte in der Luft und sich eifrig tupfendes Getier am Rande des Wegs! Dass Prince, dieser erotomanischste Sexomat aller Gitarrenschwurbler, mit einem Geburtsdatum am 7. Juni ein Kind des Frühlings ist, versteht sich von selbst. Dass sein bekanntester Song mit Frühlingsbezug in Sachen Doppelbettbödigkeit ("I’d like to funk!"), Adjektiva ("hot!", "funky!") und Symptominterjektionen ("sh-boogie bop") allerdings unauffällig bleibt, überrascht dann schon eher. Das zur aktuellen Wetterlage passende "Sometimes It Snows In April" ist eine betrübte Meditation zum Thema Tod, die auch bei einem Sonnenbad im Grünen melancholisch stimmen dürfte.

Joanna Newsom: In California. Schon in der Bibel steht geschrieben, dass es im Himmel Geigen gibt - und vor allem auch Harfen. Über die US-Harfenistin Joanna Newsom sagen die einen: lieber freiwillig Fegefeuer für immer als zwei Minuten mit dieser Stimme! Die anderen wiederum sind der Meinung: Hach! Seufz! Ja! Ja! Als Hippieparadies für Menschen mit Blumen im Haar wurde Kalifornien schon vielfach besungen. Realiter wird der US-Bundesstaat heute nicht zuletzt von Wohlhabenden als Rückzugsgebiet mit gutem Klima und Weinanschluss geschätzt. Joanna Newsom reicht mit "In California" ein knapp neunminütiges Kammerdrama, das uns alles gibt: "When you come and see me in California / you cross the border of my heart." Wer diese Musik nicht liebt, liebt nichts mehr auf Erden.



Brian Eno/John Cale: Spinning Away.
Am Ende des Tages sitzt jemand auf einem Hügel unter dem Himmel und fängt die Stimmung mit dem Bleistift ein. Der Himmel ist violett, später rabenschwarz, Hauptrollen spielen ein Flugzeug, eine goldene Kette (poetisch für den Kondensstreifen) und der auftauchende Mond. Die Zeichnung entschwindet und alle vier Winde verfallen in ein letztes leises Seufzen. Die Kollaboration von Brian Eno und John Cale mit dem Album "Wrong Way Up" markierte im Jahr 1990 ein ebenso überraschendes wie überzeugtes Bekenntnis des Doppels zum Pop - Streicher und Synthesizer in himmlischer Umarmung. Ein Song wie ein Tagtraum. Im Gras. Am Flussufer. Für immer.



Future Islands: Sun In The Morning.
"Ohne Sonne kein Leben", das klang vermutlich immer schon schlüssig. Dass sich die Erde um den ewigen Feuerball bewegt (und nicht der ewige Feuerball um die Erde), wäre über eine frühere Erfindung der Popmusik aber wesentlich schneller verständlich gewesen. Die dort erfolgte Gleichsetzung der Geliebten mit einer Sonne, um die sich alles dreht - und für die wir uns ja bitteschön alle verdrehen! Jederzeit wieder! Gerne gleich jetzt! -, dominiert nicht unbedingt wenige Songs. Steinzeitlich von Trommeln bestimmte, sogar noch vor dem geozentrischen Weltbild hängengebliebene männliche Grunzspielarten im Metal, bei denen ewige Dunkelheit das höchste Gut ist und die Sonne maximal eine auch von PeterLicht besungene "gelbe Sau", jetzt einmal ausgelassen. Wenn Samuel T. Herring, Sänger der US-Band Future Islands, als Sonnenanbeter für uns vor ihr auf die Knie geht, ist jedenfalls alles eindeutig: sowohl Kopernikus als auch das Problem der Kirche mit den Frauen. Und immer, immer wieder geht die Sonne auf. Schon in der Früh zum Beispiel, beim gemeinsamen Kaffeetrinken.



Gustav: Verlass die Stadt.
"O schüttle ab den schweren Traum / und die lange Winterruh’; / es wagt es der alte Apfelbaum / Herze, wag’s auch du!" - nicht nur die Gentrifizierung in Richtung der Außenbezirke könnte ein Argument dafür sein, sich anstelle einer Eigentumswohnung in der Stadt ein Häuschen im "strukturschwächeren" Raum zuzulegen, wo Fuchs und Hase sich wesentlich später Gute Nacht sagen, als der örtliche "Nah & Frisch" offen hat. Am frühen Abend werden die Gehsteige hochgeklappt und außer einer erzwungenen Abkehr von unserer "Hektomatikwelt" bleibt einem nur eventuell noch etwas Gartenarbeit.