Sie ließ sich auf der Bühne die Kleider vom Leib schneiden, verkaufte frische Luft aus Kaugummiautomaten, erklärte das Anreißen eines Streichholzes zur Kunst, verhüllte in Nacht-und-Nebel-Aktionen Denkmäler. Yoko Ono (geboren 1933 in Tokio) war als Künstlerin ihrer Zeit voraus. Vieles, was sie schon in den 1960er Jahren in Tokio, New York und London realisierte, wurde erst viel später hip.

Sie gehört aber auch immer noch zu den meistgehassten Frauen der vergangenen 50 Jahre, und das, obwohl das ihr Unterstellte schon beinahe genauso lange her ist: Sie habe durch ihre Beziehung zu John Lennon die Beatles auseinandergebracht, so die weitverbreitete Mär. Da hilft es nicht, wenn selbst Paul McCartney dieses böse Gerücht inzwischen dementiert hat. Auch würde ihre heutige Bekanntheit darauf zurückzuführen sein, dass sie die Frau an Lennons Seite war, lautet eine weitere Mär. Warum sie ihn aber kennengelernt und fasziniert hat, das war lange Zeit hinter der "Legende vom Genie und der Hexe" alias "The Ballad Of John & Yoko" versteckt: Yoko Ono war eine hochproduktive und anerkannte Künstlerin und Musikerin, als sie der Beatle 1966 in einer Londoner Galerie kennenlernte. Sie gehörte zur New Yorker Fluxus-Bewegung, die Kunst wegbringen wollte von ihrem Status als teure Trophäe der Eliten - und zurückbringen mitten hinein ins Leben.

Emanzipierte Avantgarde-Musikerin im Umfeld von John Cage

Yoko Ono war auch Avantgarde-Musikerin im Umfeld von John Cage, der ihr sein Stück "4’33’" gewidmet hat. Und sie war als Frau, eine ausländische Künstlerin in einer männlich dominierten Kunstwelt, früh mit Fragen der Emanzipation konfrontiert.

Vor einigen Jahren hat die Wiederentdeckung und Neueinordnung von Yoko Ono als Künstlerin begonnen. Man hat den enormen Schatz an gesellschaftskritischen wie poetischen Kunstwerken dieser widerspenstigen Japanerin aus gutem Hause gehoben, neu bewertet und in diversen Ausstellungen gezeigt, von London über Melbourne bis Krems. Seither sind ihre Arbeiten auf Dauerreise durch die Museen dieser Welt, seither ist sie mit neuen Werken wieder im globalen Reigen der Biennalen vertreten.

Mit 82 Jahren ist diese Künstlerin weder müde noch bitter. Auf ihren Konzerten, wie jenes zu ihrem 80er, tanzt, singt und schreit sie - ein Markenzeichen der klassisch ausgebildeten Sängerin - wie eine 17-Jährige. Da ist keine Spur von Bitterkeit, dafür viel Empathie, Humor und Klugheit. Gemäß ihrer Lebenseinstellung: Nicht brüllen, nicht schreien, nicht jammern - Schwierigkeiten sind dazu da, um an ihnen zu wachsen. So gesehen ist die zierliche Yoko Ono ziemlich groß.(vf)

Diagonal - Radio für Zeitgenoss/innen
Zur Person Yoko Ono: die berühmteste unbekannte Künstlerin der Welt.
Samstag, 23. Mai, 17.05 Uhr auf Ö1