Sie haben es gesagt. Alle drei. Im Chor. Und mit ihnen die ganze Halle.

Doch zuvor hat die Halle ein Event gesehen. Ein Event, das seinesgleichen sucht.

Und nicht nur die Halle, nein, die ganze Stadt war so anders. So tolerant und offen. Richtiggehend verzaubert war Wien. Jawohl, verzaubert von einer Fee aus einem unbekannten Land - mit extrem fragwürdigem Geschmack.

Wer sonst würde Kanaldeckel singen lassen? Da fragt man sich doch: Ist das noch eine Hommage? Oder will mir jemand mitteilen, dass hier bald die Scheiße zu klingen beginnt?

Egal, die Stadthalle ist bis zum letzten Platz gefüllt, die Bühne ist auf dem neuesten Stand, die Technik spielt alle Stückerln und das Stadthallenbad ist immer noch nicht fertig.

Aber da singt auch keiner.

Dafür beim ESC, dem Eurovision Song Contest. "Eurovision" heißt schon seit Jahren nicht mehr Eurovision, sondern Jurowischn. Und auch das Motto ist dieses Jahr international: "Building Bridges". Wow! Leider weiß keiner genau, wer welche Brücken wohin und worüber hinweg baut. Oder bauen soll. Oder so tun soll, als ob er oder sie oder es bauen würde.

Dafür ist es ein tolles Symbol für irgendwas. Und das ist, was der Jurowischn Song Contest kann. Kraftvolle Symbole aussenden. Kraftvoll und möglichst ungenau, damit man sich werbetechnisch gut einklinken kann.

Hier wird Natürlichkeit
in Phon gemessen

Und weil wir alle so unglaublich symbolisch und lässig sind, so tolerant und eh auch so, weißt eh, ist auch die Botschafterin für Toleranz, Bartwuchs und Dings ungefähr überall: Sie macht Werbung für Bank Austria, Mercure Hotels, Orf eins und den Life Ball, man findet sie sowohl in der "Krone" als auch im "Falter", in den "Seitenblicken" sowieso, und eigentlich ist es ein Wunder, dass sie nicht am Flughafen jeden ankommenden Besucher persönlich mit "You are unstoppable" aufs Laufband befördert.

Aber zurück in die Stadthalle. Da singt ein Wiener. Für Mazedonien. Ein Land, das knapp vor einem Bürgerkrieg steht. Deshalb hat er auch seine Leibwächter mitgebracht, die zusammen mit ihm auf der Bühne Rhythmusgymnastik machen. Nach dem Semifinale ist er aber nicht mehr dabei.

Vom Ausscheidungsprozess erster Ordnung bleibt Serbien verschont. Die "serbische Adele", eine pudelhaftige Sirene, eine Art Königin der Ewoks, darf die Stadthalle gleich zweimal mit ihrem Gesang erzittern lassen. Denn sie hat eine Botschaft. Die lautet: "Seid nett zu Dicken, sonst plärren sie Euch an." Ungefähr. Genaues weiß man nicht, dafür war es sehr authentisch. Denn, wenn sich jemand beim Jurowischnsongcondesd das Hirn rausbrüllt, ist das authentisch. Und echt. Und natürlich. Denn hier wird Natürlichkeit in Phon gemessen. Also schreit, Kinder, schreit, was ihr könnt!

Und sie können es: die Niederlande, Malta, Irland und sonst auch jede/r Zweite. Wer Pech hat, ist im Duo unterwegs und muss sich dann gegenseitig anschreien. Das alles hat die Leichtigkeit, den Witz und die Subtilität einer Aufführung von Wagners "Ring des Nibelungen" in einer Tiefgarage. Dafür darf auch Helene Fischer auftreten. Gleich dreimal. Einmal für Griechenland, bettelnd, einmal für Polen, sitzend, und einmal für Spanien, katholisch, inklusive Kostümwechsel von Heiliger zur Hure.

Russland dagegen schickt eine magersüchtige Celine Dion, Georgien eine Andrea Berg, die sich als Lily Munster verkleidet hat. Für Italien treten drei Frisuren an. Davon eine mit Brille. Aber auch die plärren gut.

Und das alles vor LED-Leinwänden voller virtueller Wasser, Monde, Bäume, Flügel, Wälder, Berge, Wölfe, Säulen und anderer Versatzstücke aus dem Abfallkübel der abendländischen, mystischen Symbolik für Arme.

Texte? Egal. Ayayay und Ouououou müssen reichen. Wer braucht Worte, wenn es Bilder und Geschrei gibt?

Und die Menschen schauen sich das an. Freiwillig. Von einer übermächtigen Marketing-Maschinerie zusammengetrieben, versammeln sie sich wie Herdenvieh vor Videowalls, auf denen das charmelose Treiben gezeigt wird. Ob in Schwaz in Tirol, in Bad Mitterndorf oder im Jurowischn Willädsch am Rathausplatz.

Überall heißt es "We are Songcontest!" und das steht für: "Ich gehe nicht wählen, dafür tu ich gern voten!" Ja, Party in der Postdemokratie! "A großer Heuriger" hätte der Herr Karl möglicherweise gesagt. Aber den kennt hier keiner. Dafür weint der Himmel.

Wir waren jetzt echt voll tolerant - ganze zwei Wochen

Aber man darf das nicht so eng sehen. Denn es ist ja lustig, wenn der Bürgermeister zur "Opening Ceremony" sein Englisch auspackt. Und dass die Veranstalterin, die Europäische Broadcasting Union, EBU, sich genau so abkürzt wie die Europäische Blindenunion, das ist ja auch irgendwie zum Schreien, oder? Wer gewonnen hat? Ähh . . . Schweden! Genau, letztes Jahr waren wir "unstoppable", jetzt sind wir "heroes". Eh. Kloa. Sicher.

Aber jetzt bitte fahrt wieder nach Hause. Alle! Denn wir waren jetzt echt voll tolerant. Ganze zwei Wochen. Wir haben jetzt sogar gleichgeschlechtliche Ampeln. Also bitte, das ist echt viel für uns. Deshalb: Servusciaobaba!

Und zum Abschied sagen wir auch gern noch einmal die Worte, die die drei Moderatorinnen im Chor, zusammen mit der ganzen Halle, so schön gesagt haben: "Goodnight, Europe!"