Es ist schon eine Weile her, da war auf die Welt noch Verlass. Es gab die Schurken und den Amerikaner, die D-Mark und den Schilling, noch keinen freien Personen-, dafür aber ungeschützten Geschlechtsverkehr und überall durfte man rauchen. Sogar im Flugzeug! Im Urlaub fuhr man nach Kärnten, Einkaufen ging man in den "Konsum" und am Samstagabend saß in Deutschland ("Hallo!"), Österreich ("Servus!") und der Schweiz ("Grüezi!") die ganze Nation vor dem Fernseher, um sich von Thomas Gottschalk in der jeweiligen Landessprache begrüßen zu lassen - man nannte das Entertainment - und "Wetten, dass . . ?" zu schauen.

Konstanter Roaarr-Faktor

"Wetten, dass . . ?", junge Menschen wissen das nicht mehr, hatte als Stammgäste Montserrat Caballé, die sehr schön und laut lachen konnte, Madonna, die gleich wieder zum Flughafen musste (Aber nicht, weil sie rauchen wollte. Vermutlich war sie sehr wichtig oder es hatte etwas mit Sex zu tun!), sowie Dieter Bohlen, Rod Stewart oder Tom Jones, die ihre Azorenbräune zur Schau stellen durften, wenn sie in Sachen Unterhaltungsmusik mit mittlerer Anzüglichkeit dafür den Einschaltquoten aushalfen. Vor allem Tom Jones, den man als alten Fuchs auch aus Omas Küchenradio kannte, wo er Schlager über Eifersuchtsmorde sang, war eine Erscheinung. Sicher, auch ein Klischee, aber der Mann trug seine getönten Atze-Schröder-Brillen über der Brusthaarfrisur im zu weit geöffneten Hemd mit Würde, während er dem Bürgermeister von Halle an der Saale als "Tiger" vorgestellt wurde. Roaarr!

Jetzt aber. Endlich! Thomas Gottschalk hat Sendepause und Tom Jones singt im Medley über Sexbomben, Pussys, die Katzen sind, und Feuerbälle bis zur Explosion. Das Reinigungspersonal darf nach der Sendung stapelweise auf die Bühne geschossene BHs mit nach Hause nehmen. Was Tom Jones nach der Sendung macht, wissen wir alle. Er genießt, aber wir schweigen (Diskretion!).

Weil es "Wetten, dass . . ?" aber nicht mehr gibt, empfiehlt es sich heute, den Tiger im Konzert zu besuchen. In der Wiener Stadthalle lernt man am Sonntag zum Beispiel, dass auf den Verlass nur mehr wenig Verlass ist. Gut, die Stimme hält nicht nur, sie beeindruckt auch im sechsten Bühnenjahrzehnt des Sängers mit gleichbleibend hohem Roaarr-Faktor. Heute als Natürlichkeit vermitteln wollender Silberrücken ohne Haarcolorationsinteresse erklärt Tom Jones abseits ihm zugeschriebener Klischees allerdings einen "Sexit", also sein Ausscheiden aus der körpermittigen Vergnügungszone. Immerhin geht es nach dem einläutenden Johnleehookerblues über mögliche Qualen in der Hölle mit Alterswerksinterpretationen eines spirituellen Liederkanons um biblischen Regen und die Errettung des Tigers auf der Arche Noah. Eine neunköpfige Band darf dazu zwischen gewieften Americana-Anleihen und Bierzeltcountry changieren.

"Shake A Hand" nimmt die "Road To Hell" und mit "Tower Of Song" ist auch ein hübsches Cohen-Cover dabei. "Elvis Presley Blues" und "Soul Of A Man" als überraschende Highlights begnügen sich mit Meditations-Vibratogitarren und Roaarr-Stimme alleine, während die Hits nicht zum 100.001 Mal in der gleichen Version daherkommen wollen. "Delilah" spielt es mit Akkordeon als Calexico-Song und "Sex Bomb" als Las-Vegas-Swing für den Pokerabend. Dort werden dann die Herrenwitze erzählt, auf die Tom Jones gottlob verzichtet.

Weil man jetzt aber auch nicht ganz an der Erwartung des Publikums vorbeispielen kann, darf es nahe der Wiener Rotlichtzone zumindest am Ende noch einmal sexy werden. Knapp zwei Stunden lang hat Tom Jones bereits Steherqualitäten bewiesen, als ein "Kiss"-Cover Prince die Ehre erweist, allerdings auch Angst aufkommen lässt: Würde sich jetzt auch noch der große Schwurbelmeister dem "Sexit" des Tom Jones anschließen, Grundgütiger, die ganze Vergnügungszone bräuchte eine Arche Noah!