Als die britische Indie-Rock- und Art-Pop-Band Everything Everything vor einigen Jahren mit ihrer ausgeklügelten Mischung aus Rastlosigkeit, Experimentierfreude und Pop-Appeal erstmals auf sich aufmerksam machte, war schon abzusehen, dass das Quartett mit Kunst- und Musikhochschulvergangenheit nicht lange ein Geheimtipp für Pop-Nerds und Kritiker bleiben würde. In ihrer Heimat landeten bereits die ersten beiden Alben der Formation aus Manchester - "Man Alive" (2010) und "Arc" (2013) - auf Platz 17 und Platz 5 der Albumcharts.

Mit "Get To Heaven" dürfte nun auch das europäische Festland erobert werden: Wir hören ein Album, das einem fein austarierten Zusammenspiel aus Leichtigkeit und Komplexität, Extravaganz und Eingängigkeit, Zeitgeist und Virtuosität gleicht und von Produzent Stuart Price mit einem eleganten Pop-Styling ausgestattet wurde. So gelingt das Kunststück, Musik für Herz, Hirn und Beine zu machen und quasi Tanzboden, Newsroom und Denkerklause kurzzuschließen.

"Wir versuchen, die schwierigen Themen wie ein Trojanisches Pferd in die Songs zu schmuggeln, so dass man ebenso gut dazu tanzen kann, wie man bei konzentriertem Hören wohl auch nachdenklich werden kann", meint Sänger Jonathan Higgs dazu. Das hört sich in der Beschreibung komplizierter an, als es tatsächlich klingt. "Get To Heaven" überfordert den Hörer nicht mit einem kopflastigen Popentwurf, sondern ist dank schmissiger Melodien, toller Hooklines und hinreißender Refrains stets auch sehr unterhaltsam.

Der Trick, ernsthafte Texte rhythmisch-eingängig zu präsentieren - es geht um Natur- und Finanzkatastrophen, soziale Ungerechtigkeit, Intoleranz und Korruption - funktioniert über die gesamte Albumlänge. R&B, Funk, Soul, Hip-Hop, Disco und Electronica - nichts ist Everything Everything fremd, und noch weniger heilig. Anspieltipps: Das energiegeladene "Distant Past", der Titelsong mit entspanntem Sommerflair-Groove, "Blast Doors" als nervös-zappelige Rave-Hommage oder "Regret" im Retro-Style mit Gospelharmonien.