Singt und spielt ein Loblied auf die "Guitar Heroes", zu denen man ihn selbst auch zählen muss: Richard Thompson. Foto: Pamela Littky
Singt und spielt ein Loblied auf die "Guitar Heroes", zu denen man ihn selbst auch zählen muss: Richard Thompson. Foto: Pamela Littky

Bei Richard Thompsons letztem Wien-Auftritt im WUK 2011 wurden der Autor dieser Zeilen und "extra"-Chef Gerald Schmickl Zeugen einer seltsam anmutenden Begebenheit: Als an Thompsons Akustik-Gitarre eine Saite riss, wurde nicht etwa eilig eine Ersatz-Gitarre herbeigeschafft - vielmehr zauberte der Meister von irgendwo eine neue Saite hervor und legte Hand an. "Oh nein, der zieht sie selbst auf!", rief Schmickl perplex. "Bei Wilco stehen zehn Gitarren auf der Bühne rum!"

Instrumental-Fundus


Genau mit jener materiell bestens ausgestatteten Alternative-Coun-try-Rock-Band Wilco führte die bisweilen ironisch begabte Vorsehung Thompson nun zusammen, da er sich deren Leader Jeff Tweedy als Produzenten für sein neues Album "Still" gewünscht hatte. Und das erste, was ihm ein ehrfürchtiges Staunen abrang, war just der gewaltige Instrumental-Fundus im Proberaum der Band in Chicago: "Das Gebäude ist zweistöckig. Im zweiten Stock ist in einem Eck ein Aufnahmestudio, aber der ganze Rest des Gebäudes ist voll mit hunderten Gitarren, Bässen, Keyboards, sogar obskuren Blasinstrumenten. Das weckt in einem den ziemlich dringenden Wunsch, ein Monat da zu verbringen - einfach, um alles auszuprobieren."

Die Aufnahmen zu "Still" dauerten indes nur neun Tage. Und doch kam einiges aus dem instrumentalen Reservoir zum Einsatz. Manche Klangnuancen - etwa die eigenartigen Obertöne in "Broken Doll" - dürften wohl speziellen Keyboards zu verdanken sein, die der grundsätzlich äußerst behutsam agierende Produzent Tweedy einbrachte. Und für "Guitar He- roes", eine siebeneinhalb Minuten lange, witzige Hommage an Thompsons Favoriten, war praktischerweise immer passendes Arbeitsgerät verfügbar, wenn es daran ging, die besagten Gitarrenhelden auch klanglich originalgetreu zu zitieren: Les Paul, die Shadows, Chuck Berry und, auch wenn er nicht namentlich erwähnt wird, John Fogerty. Dass am Ende Thompson mit einem furiosen Solo seine höchstpersönliche Handschrift daruntersetzt, ist nur stimmig. Denn als "Guitar Hero" gilt auch er - und kaum einer mit mehr Berechtigung.

Um eine abgedroschene Phrase zu revitalisieren, darf man zu Recht über Thompson sagen, er lasse die Gitarre sprechen. In "She Never Could Resist A Win-ding Road", einem Song über eine Frau mit unterentwickeltem Talent für einen sesshaften Lebensstil, transportieren aufwühlend-vibrierende Solo-Läufe den Verlustschmerz und unterschwelligen Zorn des von ihr verlassenen Mannes genauso wie Bewunderung für ihre Courage. In "Where’s Your Heart" verlängert die Gitarre gewissermaßen den von Skepsis bis zu Bitterkeit reichenden Gefühlszustand des Protagonisten, während bei "All Buttoned Up" aller Frust über eine in mehrerlei Hinsicht zugeknöpfte Frau aus den Saiten kracht und dabei diesen für Thompson charakteristischen Eindruck vermittelt, die Gitarre schwirre in alle Richtungen gleichzeitig aus.

Lebensweisheiten


Thompson kann über sein Spiel wie auch über seine tiefe, (an-) klagende Stimme eine Ahnung von Urgewalt kreieren, die in Uptempo-Stücken wie "Patty Don’t You Put Me Down", "No Peace No End" oder "Long John Silver" ihre gleichsam natürlichen Verbündeten findet. Gleichwohl weisen auf "Still" zwei besonders intensive Songs zurück auf die Ursprünge von Thompsons artistisch glanzvoller wie auch kommerziell und biografisch durchaus krisenanfälliger Karriere: Die wunderschöne Ballade "Beatnik Walking" und das ausgelassene "Pony In The Stable" greifen jene Einflüsse keltischen Folks auf, die in Kombination mit treibendem Rock Thompsons erster Band Fairport Convention Ende der 60er Jahre zu Wegweiser-Meriten verhalfen.

Inhaltlich ist Thompson seit jeher ein Universalist. Auch "Still" deckt einen weiten Bereich von Beziehungsproblemen bis zu politischen Topics ab. Es sind aber nicht nur die Themen, die seine Texte ausmachen, sondern insbesondere die feine Ironie und die subtilen Details in und zwischen den Zeilen: Ein kleiner Seitenhieb auf die Murdoch-Presse, die Erkenntnis, dass man nicht jeden Piraten auf dem Meer vorfindet oder Vorschläge, wie Konzerne ihr Gewissen beruhigen können. Lebensweisheiten sozusagen - aus berufener Quelle.