Selbstbeschränkung statt Epik: Wilco um Mastermind Jeff Tweedy (vorne) sind zurück. - © Zoran Orlic
Selbstbeschränkung statt Epik: Wilco um Mastermind Jeff Tweedy (vorne) sind zurück. - © Zoran Orlic

Zuletzt konnte beinahe vermutet werden, Wilco würden sich modernisieren. Immerhin machte die Band aus Chicago insofern einen auf Beyoncé, als sie ihr - unangekündigtes - neues Album im Juli zum freien Download im Netz veröffentlichte. Anders als etwa bei U2 geschah das aber nicht per Selbstaufgabe gegen Bares an den Apple-Konzern, sondern unabhängig über die Bandhomepage. Die nun kostenpflichtig nachgereichte CD-Version erscheint ebenso wie die im Oktober folgende Vinylausgabe zum zweiten Mal in der Geschichte Wilcos auf dem bandeigenen Label dBpm. Man kann es sich leisten und hat weiß Gott genug im Umgang mit Plattenfirmen gelernt, seit Warner Music ausgerechnet das spätere Durchbruchsalbum "Yankee Hotel Foxtrot" (2002) nicht veröffentlichen wollte.

Schalk im Nacken


Das Cover des neunten Streichs untermauert eine gewisse Annäherung ans Heute nun im gleichen Ausmaß, wie es diese ironisch bricht: Ein Album in bester Nerdmanier "Star Wars" zu betiteln und es mit dem Bildnis einer Katze hin zum nicht nur socialmediatechnisch mindestens extrem wichtigen Cat-Content zu treiben, das ist dann doch etwas zu viel, um dahinter nicht den Schalk im Nacken zu erkennen. Es sei der Band vergönnt. Wilco entstammen einem Umfeld, das nicht als übertrieben humorig gilt.

Einerseits widmet sich die Band seit 1994 dem zwischen Kaschemmen-Country und Hinterland-Folk ankernden, also mit Würde zu behandelnden Americana-Universum mit Hang zu den Vorgaben des klassischen Rocksongs, anderseits ergänzt sie das Grundgerüst spätestens seit der ersten Hälfte der Nullerjahre mit Kritikerlob garantierenden Brückenschlägen zum Experiment. Überwiegend werden damit nicht mehr ganz jungen Männern und solchen, die es noch werden wollen, Freudentränen aus den Augen gedrückt.

"Star Wars" markiert das Ende der bisher längsten Phase ohne neues Wilco-Album. Seit "The Whole Love" von 2011 waren die Bandmitglieder keineswegs untätig. Mastermind Jeff Tweedy hatte als Fremdproduzent das aktuelle Album von Richard Thompson zu verantworten. Und er gründete gemeinsam mit Sohnemann Spencer das Familiendoppel Tweedy, dessen Debüt "Sukierae" auch live präsentiert werden wollte.

Dass seine Rückkehr mit der Stammformation nun an der Schwelle zu einer neuen Phase im Schaffen der Band stehen dürfte, wird bereits zum Auftakt erklärt: So ruppig, spröde und quengelig wie in der Begrüßungs-Fanfare "EKG" hat man Wilco lange nicht mehr gehört. Mit einer Spielzeit von nur einer halben Stunde setzt das Sextett heute zwar einen Kontrapunkt zu seinen vormals epischen Werken. Dank der so fordernden wie facettenreichen Gitarrenarbeit wird mit viel Liebe zum Detail aber vorexerziert, wie man auch der kurzen Form Spielwitz verleiht. Nicht nur die Virtuosität in der Handhabung, die bei Wilco aber nie Mackertum vermitteln wollend ausgestellt wird, ist es dann auch, die heute zumindest zwischendurch an Sonic Youth denken lässt, sondern zusätzlich der kalt-klirrende Sound, den die Sechssaiter mitunter verströmen.

Auf Hits und explizite Americana-Elemente verzichtet "Star Wars" weitgehend, wenngleich sich zeitlose Songperlen wie "Taste The Ceiling" auch hier wiederfinden. Stattdessen wird gerne auch wie vom Fleck weg und mit rhythmuszentrierter Note gespielt. Man hört Stop-and-go-Dynamiken ("King Of You", "Cold Slope"), sportiv nach Entladung schreiendes Material ("Pickled Ginger") und einen Hauch von Space-Rock, der bei "Random Name Generator" den Albumtitel verdeutlicht. "You Satellite" schraubt sich repetitiv als scheinbarer Studio-Jam hoch und mit "Magnetized" wird zum Abschluss noch ein abgedunkeltes Wiegenlied an der Lo-Fi-Orgel gegeben.

Danach haben die nicht mehr ganz jungen Männer und alle, die es noch werden wollen, nur mehr einen Wunsch: ein baldiges Wilco-Konzert in der Nähe!