Ikone des musikalischen Eigensinns: James Blood Ulmer beendete das Jazzfestival mit einem inbrünstigen Auftritt. - © JazzfestivalSaalfelden
Ikone des musikalischen Eigensinns: James Blood Ulmer beendete das Jazzfestival mit einem inbrünstigen Auftritt. - © JazzfestivalSaalfelden

Saalfelden. "Jazz is the teacher, Funk is the preacher" - James Blood Ulmer, Sänger und E-Gitarrist aus South Carolina, sang diese Worte erstmals vor 35 Jahren. Sie dürfen als Glaubensbekenntnis eines Mannes gelten, der als Kind durch die Grundschule der schwarzen Musik gegangen ist (Gospel und Blues) und ab den späten 70er Jahren zu tanzbaren Grooves sang. Wobei ihm da noch ein prägender Pädagoge dazwischen kam - nämlich Ornette Coleman. Seit den frühen 70ern tourte Ulmer nicht nur mit dem Freejazz-Guru, er integrierte dessen Geheimlehre ("Harmolodics") in sein eigenes, Wah-Wah-Pedal-verwaschenes Gitarrenspiel. Ergebnis war der sogenannte Free Funk.

Selbstbehauptungszorn


Eine solche Ikone des musikalischen Eigensinns ist freilich wie geschaffen für den Abschluss des Jazzfestival Saalfelden. Am Sonntagabend saß der US-Amerikaner dann auch auf jener Bühne, die Jahr für Jahr wagemutige Fusionierer, Freejazzer und andere Rappelköpfe bevölkern. Energie! Ulmers Band hat sie zuhauf. In Oktett-Besetzung angerückt, besorgen zwei Schlagzeuge, E-Bass und Rhythmus-Gitarre die polternde Grundierung, drei Saxofone (mit dabei: der grandiose David Murray) mengen sich wie Leuchtfarben darein. Gewiss: Ulmer, der 75-Jährige, ist über den Zenit seiner Möglichkeiten hinaus, das grobkörnige Klangbild hilft beim Kaschieren. Ein inbrünstiger Auftritt war das aber allemal.

Überhaupt sahen die drei Hauptbühnentage einiges an Energie. Zwar war die 36. Auflage des Festivals nicht überreich an Highlights. Im Rahmen eines - gewohnt gehaltvollen - Programms waren diese jedoch effektsicher platziert.

Mit einem Kracher soll man anfangen, und den hat Maja Osojnik am Freitag geliefert: Die slowenische Wahlwienerin, Jahrgang 1976, war mit der Auftragskomposition des Festivals betraut worden. "All.The.Terms.We.Are" heißt das Programm der Sängerin und Flötistin: Saalfelden-typisch pendelt es zwischen kollektiven Freiräumen und fixierter Struktur. Vor allem aber ist es randvoll mit Selbstbehauptungszorn.

Mit der Wut einer Frau, die sich nicht in Schubladen zwängen lassen will, grollt Osojnik der Welt "What do you want me to be?" entgegen. Auszucker folgen. Im Verbund mit einem Zermerscher-Schlagzeug (Lukas König), Bratzel-Elektronik und schlierigen Duo-Gesängen (mit Cellistin Audrey Chen) klingt diese Musik wie eine düstere Brühe aus Björk, Joy Division und Avantgarde-Jazz.

Zwar setzt es auch im weiteren Verlauf des Abends starke Momente. Sie summieren sich aber nicht zu stimmigen Konzerten. The Bureau of Atomic Tourism etwa hat vor allem einen tollen Namen. Mit seiner losen Mischung aus Film-Noir-Anleihen, verschwommenem Jazzrock und den Stänkereien einer grantigen E-Gitarre bleiben die Klangreize aber weitgehend kaleidoskopisch.

Wie Bobby Lugano auf Crack


Am prägnantesten der Auftritt von Michael Riesslers Trio. Stimmt zwar: Der deutsche Bassklarinettist hat bereits 2008 auf der Hauptbühne im Congress Saalfelden gespielt, schon damals mit dem Drehorgler Pierre Charial, und am Grundkonzept hat sich nichts geändert. Es wirkt am Samstag dennoch frisch: Umgeben von einem Wald an Orgelpfeifen, kurbelt Charial meterweise irre Lochbänder durch seinen Leierkasten. Man muss sich dieses Pfauch-Pfeif-Geratter vorstellen wie eine Mischung aus den Orgel-Infernos Keith Emersons ("Tarkus"), den Fingerbrecher-Etüden György Ligetis und einer technoid beschleunigten Zirkusmusik - als wäre das der Soundtrack für einen Bobby Lugano auf Crack. Riesslers Kunst steht dem um nichts nach. Mit seiner Zirkulär-Atmung stellt er schier endlose, kunstvoll gedrechselte Arabesken in den Klangraum, und Cellist Vincent Courtois befeuert das Ganze mit Staccato-Salven und greinenden Haltetönen - ein Klangpanorama zwischen Prog-Rock, Jazz, Neuer Musik und nacktem Wahnsinn.

Im nächsten Jahr bekundet das Festival übrigens auch wieder Wagemut in Bezug auf die eigene Form: Unter dem Titel "Drei Tage Jazz" (22. bis 24. Jänner) erhält die Veranstaltungsreihe einen winterlichen kleinen Bruder.