Zuletzt drohte die Sache endgültig zum Trauerspiel zu werden. Nachdem Peter Hook New Order bereits 2007 im Unfrieden verlassen hatte und das nur aus Resten des letzten regulären Albums "Waiting For The Siren’s Call" von 2005 bestehende Sequel "Lost Sirens" 2013 nach Rechtsstreitigkeiten doch noch erscheinen konnte, flogen erst heuer wieder die nassen Fetzen.

Hook, der stilprägende Bassist, der seinem melodieführenden Instrument tendenziell die Rolle der ersten Geige zuschrieb, sprach New Order ohne seine Mitgliedschaft jede Existenzberechtigung ab und porträtierte Sänger Bernard Sumner in Interviews als geizige Diva. Die Band wiederum degradierte Hooks Ausstieg zu einer Lappalie, die leicht zu verschmerzen war. Auf jeden Fall wurde ein weiterer Beweis dafür erbracht, dass Männerbünde mit Geschichte allfälligen Kränkungen selten in Würde begegnen. Verdruss führt zu Verdrängung oder einer Verteidigung, die Angriff heißt. Scheiden tut weh. Ja sicher, aber nicht mir!

Scheinbar simpel


Die Geschichte selbst geht übrigens so: Im Jahr 1976 gründeten Hook und Sumner mit Schlagzeuger Stephen Morris und Sänger Ian Curtis die bis heute verehrte Weltschmerz-Kapelle Joy Division.

Nach dem Selbstmord von Curtis im Mai 1980 fand der künstlerisch zunächst orientierungslose Rest als New Order relativ bald zu einer neuen Versuchsanordnung. Mit Sumner als dünnstimmigem Neo-Frontmann ging es um Pop in schillernden Großbuchstaben, der melancholisches Songwriting mit den Einflüssen elektronischer Musiken tanzbar machte.

Über den Welthit "Blue Monday" und Alben wie "Movement", "Low-Life" oder das von der Madchester-Bewegung und dem Aufkommen von Techno geprägte "Technique" entstand ein in seiner betonten Nichtvirtuosität so scheinbar simples wie wirkungsmächtiges Werk. Nach einer ersten Auszeit ab 1993 gilt seit der gitarrendominierten Rückkehr mit dem Album "Get Ready" (2001) hingegen die Faustregel vieler Bands mit Geschichte: Die großen Schlachten sind geschlagen, nichts muss mehr erfunden werden. Fans dürfen sich über mal bessere Alben freuen und sich über mal schlechtere mit der anschließenden Welttour trösten.

Der nächste Woche erscheinende neunte Streich der Band ist als Comebackalbum nicht nur vor diesem Spannungsfeld weitgehend gelungen. Vor allem zwei Kernkompetenzen werden auf "Music Complete" (Mute) auf jeden Fall demonstriert: Zum einen bieten die 65 Spielminuten dem für New Order prototypischen Hang zum melodieseligen Arrangement reichlich Raum. Zum anderen liefert die Band - Vorsicht, bemühtes Wortspiel! - auch mit den Refrains und ohne Peter Hook Hook um Hook. Die Einprägsamkeit der elf Songs ist also gegeben.

Retrofuturismus


Die leider wieder sehr banalen Texte von Bernard Sumner können zeitlosen Songs wie der Auftaktsingle "Restless" oder dem ähnlich gebauten "Academic" wenig anhaben. Man braucht diese Stücke auch, um den "modischen" Rest zu verdauen. Immerhin wird hier zwischen Techno-Einsprengseln, etwas Madchester-Revival-Sound, eingangs peinlichen (Munich-)Disco- und House-Formalismen sowie schlicht mit auf Giorgio Moroder programmierten Sowjet-Synthesizern vor allem auf Retrofuturismus gesetzt.

Gar nicht wie New Order klingen New Order, wenn Iggy Pop im gleichnamigen, düster bis existenziell auch von Alkoholismus kündenden Sprechstück mit grummelndem Bariton und stoischer Note den "Stray Dog" gibt. Dramaqueen Brandon Flowers sorgt am Ende für den Gegenpol und bringt die Band bei "Superheated" ganz nahe an die zuckrige Zu-viel-von-allem-Kunst seiner schlagerpoppenden Killers.

Man muss von "Music Complete", das in der britischen Heimat bestimmt noch als "Return to form" bezeichnet werden wird, nicht am Stück begeistert sein. Den einen oder anderen klassischen New-Order-Moment wird hier aber jeder Hörer für sich ausmachen können.