Glaube, Liebe, Hoffnung, Krieg und Krankheit, Abschied, Tod. Davor Eros, dazwischen Verzweiflung, etwas Befreiung und ein dunkles Sehnen nach dem, was nicht ist. Zweifelsohne muss man sich bereits den jungen Leonard Cohen als alten Mann vorstellen, der zwar nicht die Erfahrungslast eines ganzen Lebens zu schultern hat, sich auf die existenziellen Themen mit großer Bestimmtheit aber auch aus dem einen Grund einlassen könnte: Womöglich wird auf diese Art, frei nach Karl Valentin, alles gar nicht so schlimm, wie es schon ist!?

Glücklicherweise jedenfalls lagen die Kritiker ab 1967 mit dem Ratschlag daneben, man solle den Alben von Leonard Cohen doch am besten gleich Rasierklingen beilegen. Wie kaum ein anderer Songwriter steht der 1934 geborene Kanadier nämlich nicht nur für die Thematisierung einer Depression, sondern auch für ihre Kompensation in der Hingabe zur weltlichen Verlockung und letztlich für ihre Überwindung - durch Liebe, durch den Glauben, durch Spiritualität und Meditation, alles ohne esoterischen Einschlag. Der Tod tritt gelegentlich explizit in Erscheinung. Meistens aber schiebt er nur die Sensenspitze durch den Türspalt und treibt so auch den Gang des Lebens voran.

In den Höllenschlund

Mit seiner Version von "The Partisan" hält 1969 als Erzählung über die Résistance der Krieg Einzug ins Werk. Der Partisan überlebt, verliert aber seine Familie und liefert im Unterschlupf ungewollt seine Obdachgeberin ans Messer. 15 Jahre später wird mit "Dance Me To The End Of Love" der Auftaktsong des erstmals von Synthiegebrauch geprägten Albums "Various Positions" zu einem Wagnis. Mit grabestiefer Stimme thematisiert der gebürtige Jude und spätere Zen-Buddhist Cohen erstmals den Holocaust und singt über ein Streichquartett, das die Häftlinge ins Krematorium begleitet. Überhaupt werden die mit nur zwei Alben und einigen Schreibblockaden bestrittenen 80er Jahre besonders düster. Nach katholisch zu lesenden Texten wie dem von "The Law" (1984) - zeitgleich durchwandert auch Bob Dylan seine christliche Phase - entwirft Cohen zwischen dem Jahr des Großen Bruders und dem Fall der Berliner Mauer auf Hysterie und Dystopie gebaute Stimmungsbilder mit bald desperater Note. "Everybody Knows" wird mit Gastauftritten des grassierenden HI-Virus 1988 zu einer zynischen Fahrt in den Höllenschlund, deren Protagonist dem Weltenlauf ein bloßes Achselzucken entgegenhält. Ein ähnliches Motiv nahm Cohen zum 80. Geburtstag im Vorjahr wieder auf, als er auf "Popular Problems" eine apokalyptische Vision als Blues übersetzte.