Kraftlackltum mit emotionalem Mehrwert: Baroness um Sänger John Baizley (2. von rechts). - © Jimmy Hubbard
Kraftlackltum mit emotionalem Mehrwert: Baroness um Sänger John Baizley (2. von rechts). - © Jimmy Hubbard

Im Booklet des Albums bedankt sich die Band nicht von ungefähr bei der Forrester-Brown-Station des Royal United Hospital im britischen Bath. Nachdem ihr Tourbus im Sommer 2012 verunglückt und von einem Viadukt in die Tiefe gestürzt war, stand zunächst vom Krankenbett aus die erste Etappe ihrer Wiedergenesung an. Glücklicherweise verlor man zwei Mitglieder lediglich insofern, als sie unter dem Eindruck der Erlebnisse später den Dienst quittierten.

Der verwundete Rest um Sänger und Mastermind John Baizley aber beschloss, auch an der Musik selbst kurieren zu wollen. Immerhin ist den 2003 im US-Bundesstaat Georgia gegründeten Baroness als Act, der Kraftlackltum mit emotionalem Mehrwert kurzschließt, von Haus aus das Rüstzeug gegeben, um mit künstlerischen Befreiungsschlägen auch Eigentherapie zu betreiben.

Sozialisiert im Grenzland zwischen polterndem Sludge Metal, lyrischem Post-, ausuferndem Prog- sowie dem als zeitlos wahrgenommenen Songwriting des Classic Rock sorgt die Band seit ihrem "Red Album" von 2007 dafür, dass Männer mit großflächigen Tätowierungen anstelle handelsüblicher Kleidungsstücke beim Freakout im Konzert ihre Gefühle wieder ausleben dürfen. Im Stakkato zwischen gnadenlosen Metalmassaker-Riffs und zum Heulen schönen Melodiebögen an den himmelwärts deutenden Prog-Gitarren ist nicht nur für einschlägige Liebhaber der diversen hier abgeklopften Genres etwas dabei. Abseits verstiegen-puritanischer Mikrodiskussionen im Sinne von "Ja, dürfen’s denn des?" dient das Beste aus unterschiedlichen Welten längst als Steigbügelhalter für das gesteigerte Songwriting-Bedürfnis, das Baroness spätestens mit ihrem monumentalen Doppelalbum "Yellow & Green" von 2012 dokumentierten. Der Brückenschlag vom Metal-Universum in den Indie-Bereich wurde nicht zuletzt von John Congleton (St. Vincent, Franz Ferdinand) an den Reglern vollstreckt. Heute wiederum sorgt Dave Fridmann (The Flaming Lips, MGMT) für das dezente elektronische Beiwerk.

Keine Atempause

Alles auf "Purple" (Universal Music), dem mittlerweile vierten Album der Band, kündet nicht nur vom Überleben. Es giert regelrecht nach dem Leben. Energie, Energie, wir brauchen Energie! Gerölllawinendrums, Powerchord-Salven, peng, krach, rumms. Dabei geht es mit geballter Faust stärker und zumindest an zwei, drei Stellen in gefährlicher Nähe zu Dave Grohl und seinen Foo Fighters in Richtung Mehrzweckhallen- und Stadionrock. Gut, dass bereits eingangs bei den bösen Testosteronriffs von "Morningstar" oder dem völlig entfesselten, glühenden, im Refrain hymnischen "Shock Me" im Anschluss keine Zeit für Nachdenk- oder Atempausen mehr bleibt. Zwischendurch treffen die Queens Of The Stone Age auf Killing Joke. Für einen Song ging das zickezackende Schlagzeug sogar bei U2 in die Schule. Okay.

Zum Weitermachen motiviert wurde John Baizley übrigens von James Hetfield, dessen Band Metallica einst bei einem Busunfall ihren Bassisten Cliff Burton verlor. Bei "Chlorine & Wine" als Auftaktsingle und Statement, vor allem aber als Meditation aus dem Krankenbett kehren Baroness nun mit einer Bitte und einem Wunsch wider die Endlichkeit wieder: "Please don’t lay me down!" Live wird ihre Rückkehr am 12. März im Wiener Flex gefeiert.