Atemloser Groove

Ja, Wahnsinn! Bei "’Tis A Pity She Was A Whore" wird Bowie von einer Prostituierten am Schwanz gepackt, verprügelt, beraubt. Ein atemloser Groove verbrüdert sich dazu mit Bläsern, die New Orleans in Richtung Free Jazz abstrahieren. Im Anschluss gerät die Trümmerballade "Lazarus", die Bowies gleichnamigem aktuellem Off-Broadway-Stück zugrunde liegt, zum nachdenklichen Spaziergang über regennasse Straßen. Spätestens der auf einem Jazzrock-Groove errichtete und (in einer alternativen Fassung) schon bekannte Mörder- und Mordssong "Sue (Or In A Season Of Crime)" bringt nicht zuletzt mit Bowies entrücktem Markantgesang Scott Walker auch als ästhetische Referenzgröße ins Spiel. Dieser radikalisierte sich nach Anfängen im tragisch gestimmten Schlagerpop seiner Walker Brothers bekanntlich überhaupt erst im Spätwerk (und wurde von Bowie als Produzent der Doku "30 Century Man" und mit einem Cover seines Songs "Nite Flights" schon früher gewürdigt). "Girl Loves Me" wiederum, das dem Seltsamen und der Schieflage eine hübsch verspielte Note beimengt, könnte man sich auch gut als Kopfgeburt von Annie Clark alias St. Vincent vorstellen, die zuletzt mit David Byrne einen anderen alten Meister als Bruder im Geiste fand.

Mit "Dollar Days" schlüpft David Bowie dann noch in die Rolle des genüsslichen Teasers. Hier wird große balladistische Songwritingkunst der klassischen Schule versprochen, bevor der Song abbiegt, abermals durch den Orbit flottiert und das Saxofon in emphatischer Solierlaune in den Jazzkeller lädt. Am Ende erweist sich "I Can’t Give Everything Away" als nicht nur vergleichsweise stromlinienförmig, es drückt dem Album auch die Pointe auf: "This is all I ever meant. That’s the message that I sent", singt der Mann, der nicht alles preisgeben will. Seine Botschaft: ein faszinierendes Rätsel, ein schillernder Irrgarten, ein schwarzer Stern, dessen Strahlkraft für uns auf die "Repeat"-Taste drückt.