Popmusik und deutsche Texte. Das ist, so selbstverständlich uns das heute scheint, die Geschichte einer schwierigen Beziehung. Man kann ihren Beginn ungefähr mit der Wende der 60er auf die 70er Jahre an einer durchaus relativ breit aufgestellten Liedermacherszene um Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt, Wolf Biermann, und, soll sein, Reinhard Mey sowie einem viel spärlicheren Häuflein Rock-Bands festmachen, von denen allerdings der Proto-Punk-Formation Ton Steine Scherben eminente Bedeutung zukam. Im Folgenden verdankt Pop deutscher Zunge unbestreitbar Udo Lindenberg und nicht zuletzt den international erfolgreichen Kraftwerk Schrittmacher-Meriten; seinen ersten Höhepunkt erreichte er aber mit der Neuen Deutschen Welle. Das glaubte man jedenfalls damals, Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre.

In Wahrheit kam die NDW mit ihrer abartig selbstbewussten Dummheit und "Witzigkeit" einem versuchten Totschlag des Idioms gleich. Als sie um 1983 verebbte, wechselten denn auch just ihre einschlägigen Protagonisten wie Hubert Kah, die Humpe-Schwestern oder Extrabreit das Lager und machten fortan auf Englisch weiter. Bis Ende der 80er Jahre schien Pop auf Deutsch nur mehr ein Reservat und zugleich Monopol für ein paar Stadion-Acts zu sein - wie Grönemeyer, die Toten Hosen oder die Ärzte. Wer indes etwas auf sich hielt, sang Englisch, ob nun Rainbirds, Phillip Boa oder nicht zuletzt die frühen Element of Crime.

Die Hamburger Schule Anfang der 90er Jahre, die mit ihrer ungenierten Ernsthaftigkeit, Diskursivität und den bedeutungsschweren Statements ("Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein", "Fickt das System") in mehrerlei Hinsicht wie ein Gegenentwurf zur NDW anmutete und trotzdem oder gerade deswegen funktionierte, wird oft stillschweigend als der ultimative Durchbruch deutschsprachiger Populärmusik verzeichnet - wobei die zur selben Zeit prosperierende Hip-Hop-Szene nicht ausgeblendet werden sollte.

In der Zeit zwischen NDW und Hamburger Schule hatte es indes immer wieder Akteure aus dem gesamten deutschen Sprachraum gegeben, die gleichermaßen Außerordentliches leisteten und traumwandlerisch sicher die öffentliche Aufmerksamkeit verfehlten. Einen guten Teil von ihnen holt nun der Sampler "Falscher Ort Falsche Zeit" aus der Versenkung: 19 Bands, davon 16 aus Deutschland, zwei aus der Schweiz und - erstaunlich angesichts des heutigen Hypes um Wiener Pop - nur eine aus Österreich. Und deren Track ist eigentlich ein atypischer Ausreißer, denn üblicherweise bedienten sich The Venue des Englischen. Gleichwohl ist ihr giftiges "Wien ist anders" zu den Höhepunkten der recht gelungenen Kompilation zu zählen.

Nicht alle Interpreten waren Obskuranten oder blieben es: Family 5 etwa hatten am Mikro einen gewissen Peter Hein, nachdem dieser bei Fehlfarben ausgestiegen war - und bevor er ebendort wieder andockte. An Bord der schweizerischen Raumpatrouille Rimini werkte mit Oliver Maurmann der spätere Frontmann der Aeronauten, der insbesondere als Guz mit teilweise exzellenten Soloalben zu Ansehen gelangt ist. Auch Huah! mit Knarf Rellöm schafften es durch L’âge d’Or, quasi das Hauslabel der Hamburger Schule, zu einiger Reputation.

Einen beträchtlichen Teil ihres Charmes bezieht die Platte aus dem Umstand, dass die Musik eben nicht zeitlos ist, sondern gewissermaßen die Uhr zurückstellt: Der stilistische Rahmen der durchwegs gitarrengetriebenen, bei Powerpop, Punk, Jonathan-Richman-Gefühligkeit und Ska zu verortenden Songs stellt wie auch die teils skeptische, teils stürmische, teils sarkastische Textsprache ganz klar ihre Entstehungszeit in den frühen bis mittleren 80er Jahren aus.

Bemerkenswert ist dabei allerdings, dass in den Inhalten - nicht nur bei The Venue - einige Male von Wien die Rede ist: "Man gab mir Kanada, man gab mir Wien", heißt es am Anfang von "Was soll ich mit der Welt" von Huah!; "schön wie Wien" finden Raumpatrouille Rimini in "Wieder Sommer" einen Spaziergang am Fluss. Als hätte man das Besondere der Stadt schon drei Jahrzehnte vorher gesehen. Also doch visionär, damals, zur falschen Zeit am falschen Ort?