Kurt Razelli aus Wien schickt am Protestsongcontest 2016 eine Wutbürgerin aus Favoriten vor, die sich über "a Kilo Marün drei fufzig" mokiert. - © Kurt Razelli
Kurt Razelli aus Wien schickt am Protestsongcontest 2016 eine Wutbürgerin aus Favoriten vor, die sich über "a Kilo Marün drei fufzig" mokiert. - © Kurt Razelli

Die Sache ist die. Etwas zum Aufregen gibt es eigentlich immer. Man braucht allein schon Stammtisch-technisch nicht extra nach Braunau zu fahren, um sich dort von hinten rechts unter dem Hirschgeweih exakt jedes Klischee in Sachen "de Auslända", "Brüsseler EU-Diktatur" und "owa unsa Haimbuchner Fredl wird’s mitm Sepp scho nu richten" bestätigen zu lassen. Nein. Es reicht schon, wenn man bei regelmäßigen Treffen im eigenen Umfeld immer wieder erklärt bekommt, dass alles permanent schlechter und der Ofen bald sowieso aus sein wird.

Freund B. sagt: Hätte ich es vor zehn Jahren gewusst, das mit dem Eigentum wäre sich auch nicht ausgegangen, aber bitte, heute krieg ich für das gleiche Geld statt einer Wohnung vielleicht noch ein Abstellkammerl oder ein Häusl - sofern es in Mistelbach steht oder im Görtschitztal. Freund J. ist der Meinung: Seit die Japaner unseren Konzern übernommen haben, müssen wir für das halberte Geld doppelt so viel einehackeln (und ich kann mir auch höchstens ein Häusl leisten, also wenn es ein japanisches ist, zwei Quadratmeter Maximum und natürlich ohne Klobrillenheizung!).

Shitstorm statt Demo


Freund W. wiederum meldet sich mit einem Beispiel zu Wort: Nimm nur die Waschmaschine von meiner Oma her. Die hat verlässlich vierzig Jahre gehalten. Meine ist verlässlich in der Woche nach Garantieende eingegangen, und "Kulanz", haben die vom Kunden-"Service" gesagt, ist bei uns bitte ein Fremdwort. Überhaupt müssen wir uns einmal vor Augen führen, dass unsere Eltern die Mondlandung und Led Zeppelin gehabt haben - und wir 9/11 und Coldplay!

Heutzutage kommt aber noch etwas dazu. Am Ende des Abends werden alle besprochenen Probleme vor der Tatsache verblassen, dass jetzt auch im Stammlokal schon beim Bierpreis ein Vierer davorsteht. Die globale Wirtschaft, so ist man sich bei der Verabschiedung einig, hat nämlich längst jeden Respekt vor dem klassischen All-in-Arbeitnehmer verloren. Von dem Studenten oder einem Hackler jetzt einmal ganz abgesehen, der sich den durchschnittlichen Altwiener Leberwert überhaupt nicht mehr finanzieren kann!

Auf der Makroebene wiederum führt die globale Nachrichtenlage zu Depressionen. Schwankende, verunsicherte, sogar ängstliche Märkte. Der Russe, der Türke, der Syrer. Sprengstoff! Konflikt- und Konflikteskalationspotenzial. Flüchtlingsströme und rechte Gewalt. Das irre Führerkind aus Nordkorea will auch wieder spielen. Unsere Eltern haben die RAF gehabt, wir haben den IS vor der Nase. Alles wird immer extremer. "Religiosität", Political Correctness. Kruzi-aber-sicher-nicht-fix, Kruzi-aber-sicher-nicht-Türken! Tod den Rauchern! Zwangsentzug für Tortenesser! Nachmieter und Job-Aspiranten mit der Drohne ausspionieren. Kalt ist das neue warm. Ellenbogen sind die neue Solidarität. Und vor allem sind Hasspostings die neuen Liebesbriefe. Unsere Eltern haben gewerkschaftlich organisierte Großdemonstrationen gehabt, wir haben einen Shitstorm auf Facebook.

Hat man sich auf diese Abwärtsspirale erst einmal geeinigt, ist womöglich auch der Protestsongcontest nicht ganz aus der Kritik zu nehmen. Wie man sich beim 13. Durchgang der Veranstaltung am Freitag im Wiener Rabenhof Theater zumindest zwischendurch wird überzeugen können, ist zu Blumen-im-Haar-Zupfgitarren, hoppertatschiger Heimelektronik, gut eingerauchtem Ska und ergriffener Pathosballade gerade angesichts der aktuellen Verhältnisse inhaltlich für teils banale Tagebuchpoesie gesorgt - wenn diese in der Unterstufe geschrieben wurde. Es geht mit dem ungefähren Punkfaktor eines Pädak-Studiums dann etwa darum, dass wir den Kindern zuhören sollten, sofern nicht gerade der auf Alltagsgeschichten spezialisierte TV-Sampler Kurt Razelli eine Wutbürgerin aus Favoriten vorschickt, die sich über "a Kilo Marün drei fufzig" mokiert.

Für "Invasions-Kollaborateure"


Ein von Altmietern als vermuteter "Bomben-Neger" kritisch beäugter neuer Nachbar und somit die Stigmatisierung von Asylwerbern kommt mit "Das gute alte Vorurteil" von Shan Blitzero bereits näher an das heran, was man im Theater gemeinhin als "erschütternd aktuellen Stoff" bezeichnet.

Und während Bernhard Eder dem Medienboulevard empfiehlt, doch bitte die Gosch’n zu halten, oder sich Holawind und Papers Please mit dem Mauerbau - und seinen Folgen - beschäftigen, geben die vermuteten Sieganwärter Junk & Mr. 3st mit "Train Of Hope" als Loblied auf alle von der FPÖ als "Invasions-Kollaborateure" Verunglimpften abschließend die Angela Merkel des Soli-Rap: "Hey! Hey! Wir packen das!"