Der große Gewinner der diesjährigen Grammys: Rapper Kendrick Lamar (links). - © Matt Sayles/Invision/AP
Der große Gewinner der diesjährigen Grammys: Rapper Kendrick Lamar (links). - © Matt Sayles/Invision/AP

Los Angeles. Der Februar ist eine hektische Zeit in der zweitgrößten Stadt Amerikas. Alle Jahre wieder werden dort in diesem Monat die Straßen weiträumig abgesperrt, die Sicherheitsvorkehrungen auf die höchste Stufe geschraubt und die roten Teppiche ausgerollt, um die Unterhaltungskünstler des jeweiligen Vorjahres zu ehren: zuerst die Musikanten und kurze Zeit später diejenigen, die besondere Leistungen für den Kinofilm vollbracht haben. Den Auftakt machte am Montag die Verleihung der Grammys, der höchsten Auszeichnungen, die die US-amerikanische Musikindustrie zu vergeben hat.

Um das weltweite Publikum nicht nur einmal im Jahr für ihr Spektakel zu begeistern, eröffnete die Academy 2008 im Haus 800 West Olympic Boulevard in Downtown Los Angeles das Grammy Museum. Betont unbescheidener Untertitel: "Music’s Biggest Museum." Von außen betont dezent, bemühen sich seine Kuratoren seitdem, dieser Losung gerecht zu werden. Das Ticket für einen Erwachsenen kostet zwölf Dollar und 95 Cent. Für hiesige Verhältnisse ungewöhnlich teuer. Der Weg führt zunächst per Aufzug hinauf in den vierten Stock. Die Aufzugtür öffnet sich und man findet sich in einem mit überdimensionierten Bildschirmen vollgepflasterten Raum wieder. Von den Wänden herunter bedanken sich Beyoncé, Justin Timberlake, Rihanna und Co. für ihre Auszeichnung, eine kurzweilige Montage von Dankesreden aus den vergangenen Jahren.

Die Mitte des Raums ist derweil der physischen Evolution des obskuren Objektes der Begierde vorbehalten. Während sich am grundsätzlichen Design der Grammys in den nunmehr 57 Jahren ihrer Existenz praktisch nichts änderte - die Miniaturversion eines Grammophons aus dem späten 19. Jahrhundert -, wurden sie mit der Zeit immer größer und schwerer. Nett, aber außer für angehende Bildhauer oder Industrial Designer nur mäßig interessant.

Das wird es erst im Eingangsbereich zur Hauptausstellungsfläche des Stockwerks, wo einen ein riesiger, mit rund zwei Dutzend Kopfhörern versehener Touchscreen empfängt, der ein virtuelles Lexikon aller möglichen und unmöglichen musikalischen Stilrichtungen in sich birgt. Ein Klick mit dem Finger und die bewegte Geschichte des Zydeco und der Cajun Music poppt auf, die sie einst unten in den Sümpfen von Louisiana erfanden. Ein paar weitere und es offenbaren sich die Ursprünge des Death Metal, von Tex-Mex, des Soul, des Grunge, und so weiter. Hörproben inklusive.

Legionen an Stilrichtungen

Wer nicht ganz genau weiß, was er sucht, kann sich in der Fülle an Information leicht verlieren. Ein Problem, unter dem auch die Grammys lange litten. Deren Gewinner werden nicht anhand von Verkaufszahlen, sondern - wie die Oscars - durch die Anzahl der für sie abgegebenen Stimmen der Academy-Mitglieder ermittelt. Die Legionen an musikalischen Stilrichtungen, die heute auf der Welt existieren, machten es nämlichen mit der Zeit immer schwerer, den Überblick zu behalten. 2011 hatte der Kategorienwahn mit insgesamt 109 seinen Höhepunkt erreicht. Damals wurde beschlossen, die Anzahl der zu vergebenden Trophäen massiv zurückzuschrauben. Ein Jahr später wurden nur noch 78 Grammys ausgehändigt. Dabei hatte man schon elf Jahre zuvor quasi eine eigene Mega-Kategorie ausgelagert: die Latin Grammys für den riesigen lateinamerikanischen Markt.

Die einzigen Kategorien, die heute hüben wie drüben das Interesse auf sich ziehen, sind freilich dieselben wie gestern: Album des Jahres. Song des Jahres. Bester neuer Künstler des Jahres (die Sieger der diesjährigen Verleihung: siehe Kasten).

Der im Zeitalter des Internet praktisch uneingeschränkten Verfügbarkeit von Musik und der Informationen darüber entsprechend offenbart sich die wahre Stärke des Grammy Museum erst im analogen Teil: in einer einzigartigen Sammlung von Memorabilia. Da steht eine Gitarre, die einst von Jimi Hendrix höchstselbst malträtiert wurde; die Sonnenbrille des unvergleichlichen Ray Charles, dem blinden Klaviermaestro; eine Originalausgabe der "Cowboy Songs", die einst von dem legendären Musikwissenschafter John Avery Lomax (1867-1948) in jahrzehntelanger, mühsamster Kleinarbeit zusammengetragen wurde.

Ein Stockwerk darunter setzt sich das Kompendium von modernen Reliquien aus rund 60 Jahren Populärmusik-Historie fort. Mit Artefakten, für die auf öffentlichen Versteigerungen so mancher wohlsituierte Fan heutzutage wahrscheinlich locker ein paar Millionen hinlegen würde. Allen voran: ein weißer Anzug von Hugo Boss, der Anfang der 80er stilbildend wirkte wie vielleicht kein zweites Kleidungsstück der Ära. Getragen hat ihn einst Michael Jackson und damit fotografieren ließ er sich für das Cover des mit geschätzten 65 Millionen Stück meistverkauften Albums aller Zeiten: "Thriller". Grammys hat er damals dafür acht auf einen Schlag gewonnen, bis heute ein Rekord. Offenbar aus Dankbarkeit überließ er dem Grammy Museum noch zu Lebzeiten auch gleich noch das schwarz-rote Lederjackett aus dem gleichnamigen Video, in dem sich der 2009 verstorbene "King of Pop" in einen Zombie verwandelte.