Ein wenig von der Magie, die Animal Collective in ihrer fünfjährigen Hochphase - vom bezaubernden Album "Sung Tongs" (2004) bis zum meisterlichen "Merriweather Post Pavilion" (2009) - zu entfesseln vermochten, mag sich später verflüchtigt haben. Aber was heißt das schon?

Immerhin hat das animalische Quartett damals einen Soundcocktail zusammengebraut, wie ihn keine andere Band hinbekommen hätte: stets merkwürdig und doch vertraut, experimentell und doch eingängig. Das war "Centipede Hz" (2012) zwar auch noch, doch irgendetwas stimmte mit der musikalischen Alchemie nicht mehr ganz. Zurückgeführt wurde das gerne auf den Umstand, dass die aus Baltimore stammenden Freunde sich im Laufe der Zeit über den ganzen Erdball verstreut hatten und daher ihre musikalischen Ideen per E-Mail austauschen mussten.

Evidente Spielfreude

Hinzu kamen Soloprojekte: Besonderes Kritikerlob heimste stets Noah Lennox a.k.a. Panda Bear ein, zumal für "Tomboy" (2010); doch die Platten von David Portner alias Avey Tare hatten es ebenso in sich, wie seine Slasher-Flicks-LP von 2014 demonstrierte. Letztes Jahr meldeten sich Animal Collective dann mit dem nur als limitiertes Vinyl-Boxset erhältlichen Mitschnitt "Live At 9:30" zurück. Als Sammlerstück ein leider teures Vergnügen, dafür aber ist es auch ein sehr großer Spaß, zu hören, dass die Band ihre komplexen Songs auf der Bühne mit evidenter Spielfreude zu entfesseln versteht.

Man kann den konzertant dargebotenen Querschnitt durch das Werk der letzten zehn Jahre freilich auch als Vorbote des neuen Albums verstehen: "Painting With" ist das - je nach Zählung - zehnte beziehungsweise zwölfte (Studio-) Album der psychedelischen Avantgarde-Popper. Der ungewöhnlich Reverb-freie Opener "FloriDada" sorgt mit seinem eingängigen Groove schon für einen ganz hervorragenden Einstieg - und die Signale in Richtung Pop sind ein Versprechen, das die Platte im Weiteren durchaus einlöst.

Die Verbeugung vor jenem Cabaret Voltaire, das vor 100 Jahren in Zürich entstand, ist allerdings auch eine Finte, was den Entstehungsort des Albums betrifft, da dieses am anderen Ende der USA, in Los Angeles, aufgenommen wurde. Und ein kalifornischer Sonnenschein durchstrahlt das Opus durchaus, insbesondere bei der Gender-Studie "Golden Gal", die mit einem Sample aus der TV-Serie "Golden Girls" beginnt, um dann darüber zu berichten, dass es junge Frauen auch heutzutage nicht leicht haben, aber stärker sind als viele Männer.

"Painting With" ist eine Platte geworden, deren Songs gerne direkt zur Sache kommen - keine verspielten Ambient-Präludien, keine langen Outros. Und das funktioniert hervorragend. Es ist auch ein Album mit kurzen Songs geworden, selbst das längste Stück bleibt unter fünf Minuten, und manche Songs sind keine drei Minuten lang. "The Burglars" und "Natural Selection" sind zwei dieser Kurzstücke, die aber gar nicht wie Skizzen wirken, sondern meisterlich demonstrieren, dass die Band nicht unbedingt ein mehr als zehnminütiges Opus braucht, um ihre volle Energie zu entfalten.

Parkhaus-Song

Wie Animal Collective in Interviews erklärt haben, wurden die Stücke erstmals nicht vorab auf der Bühne getestet, sondern aus Demos entwickelt, an denen jedes Mitglied (bis auf Deakin, der an diesem Album nicht beteiligt war) zunächst allein werkelte.

Das mag erklären, warum "Painting With" teils mehr wie eine Sammlung von Hitsingles klingt, als wie ein komplexes Hörerlebnis, in dessen Feinheiten man erst vordringen muss. Nein, hier wird mit geradezu lässiger Attitüde demonstriert, dass man großartige Songs aus dem Ärmel zu schütteln vermag, auch wenn die knapp zwei Minuten von "Spilling Guts" am deutlichsten wie eine Kopie aus "Sung Tongs" klingen. So auch "Vertical": Über hämmernde Percussions besingen Animal Collective die Freuden der vertikalen Ebenen eines Parkhauses - ein architektonisches Thema also, das in der Popmusik viel zu selten Berücksichtigung findet.

Einen gastronomischen Gegenstand zum Inhalt hat wiederum das hektische "Bagels In Kiev", das mit einem langgezogenen Fiepton ausklingt. Ach, möge er doch ewig weitergehen, so wie diese wundervolle Wunderkiste einer Platte.