Es ist schon interessant, aber: Neben "Lord" oder "God" dürfte das Wort, das auf dem Album am häufigsten fällt - vermutlich weil es Gegensätze braucht oder einfach nur, weil sich diesbezüglich längst ein Automatismus eingestellt hat -, "Bitch" sein. Konkret verwendet wird es diesmal unter anderem für Taylor Swift, die Kanye West bekanntermaßen schon 2009 bei den MTV Video Music Awards brüskierte - womit er vor allem sich selbst blamierte. Der Mann, der sich an einem egotechnisch guten Tag, also im Grunde an jedem Tag, gerne als einen Gott bezeichnet (vom Vatikan gibt es übrigens bis heute kein Dementi), wurde für diese Aktion wiederum vom US-Präsidenten höchstpersönlich als Blödmann bezeichnet. Barack Obama was not amused. Kanye West hingegen war es egal.

Er genügt sich selbst


Tatsache: Eigentlich würde es absurd amüsante bis amüsant absurde Fake-Accounts auf Twitter wie @Kanye_Hitler als weitere Übersteigerung des Gegebenen gar nicht mehr brauchen. Auch hier genügt (sich) die seit Jahren zentrale Stimme des US-Hip-Hop mit standesgemäß in die Welt gebrüllter freier Meinungsäußerung wie "BILL COSBY INNOCENT !!!!!!!!!!" selbst. Wenn man dann in der Südstaaten-Gospel-Manier seiner aktuellen Songs mit "Geh mit Gott - aber geh!" antworten möchte, hat der 38-Jährige allerdings auch schon wieder eine Antwort parat: "Shut the fuck up and enjoy the greatness!" Seltsam. Doch so steht es geschrieben.

Dabei wäre im Moment mit Selbstkritik nicht zu sparen. Nach gefühlten unzähligen Änderungen des angedachten Albumtitels und der Playlist sowie nach Verzögerungen des Erscheinungstermins hätte der siebente Streich Wests letzte Woche im Rahmen einer Präsentationsshow seiner neuesten Fashion-Kollektion im New Yorker Madison Square Garden zumindest als Nebenerzeugnis vorgestellt werden sollen. Allerdings war das Album da noch nicht fertig. Kanye West rief Auszüge davon aus dem Laptop ab und zog sich danach wieder ins Studio zurück, um "The Life Of Pablo" für eine Veröffentlichung zu finalisieren. Trotz eines in Aussicht gestellten und entsprechend massenhaft vorbestellten Downloads gibt es bis heute nur einen Stream des Nämlichen auf Jay Zs Musikplattform Tidal zu hören, an der West Anteile hält.

Aktuell sitzt der Mann, den alle Welt Kanye nennt, übrigens erneut an den Reglern, um die nächste "Endversion" zu erstellen. Der Kern von "The Life Of Pablo" jedenfalls ist in den letzten Jahren in vielen Studios mit sehr vielen Gaststimmen (Rihanna, Chris Brown, Frank Ocean, Kendrick Lamar!) und noch mehr Produzenten für das meiste Geld eingespielt worden.

Himmel hilf


Im Gegensatz zu den Vorgängern dominiert anstelle eines großen (Konzept-)Überbaus ein ausfransender Mix aus divergenten Elementen. Vintage-Soul aus dem Archiv trifft auf Ansätze von Gangsta-Rap trifft auf Samples so unterschiedlicher Acts wie Nina Simone, Goldfrapp oder Arthur Russell trifft auf Chicago-House trifft auf Gospel-Chor. Ursprünglich hätte das Album um Erlösung ringend "So Help Me God" heißen sollen. Erlösung ist für die Hörerschaft aber auch dann nicht in Sicht, wenn Kanye West gerade katholisch aufgeladene Songs wie "Father Stretch My Hands" anstimmt, in denen er ausgerechnet über Anal-Bleaching singt. Mein Gott.

Neben etwas Beef mit der Hauptkonkurrenz seiner Fashion-Line, sexistischem Sprechdurchfall und - im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes - noch einmal God, God und wieder God geht es aber auch auf "The Life Of Pablo" außer um Kanye West vor allem um Kanye West. Dieser mag in kurzen hellen Momenten der Selbstreflexion zwar zugeben, nicht immer ganz stubenrein zu sein: "Name one genius that ain’t crazy." Umso mehr aber kommt es anderswo beinahe zum Happy End: "I love Kanye", das muss man natürlich auch einmal behaupten. Vor allem, wenn man selbst Kanye ist.