Britpop war in den 1990er Jahren eine Ausrede dafür, tagsüber in windigen Kaschemmen Bier zu trinken, gelegentlich gelangweilt hinter der Sonnenbrille hervorzulugen und sich anschließend in der Fußgängerzone mit Passanten zu "unterhalten". Jedes dritte Wort lautete "fuck" und wurde von einem patzigen "ey?!" abgerundet. Hieß man dann noch mit Nachnamen Gallagher, war es Pflicht, zwar immer auf den eigenen Bezug zur Working Class hinzuweisen, bald aber Kokain im Gegenwert eines Luxuswagens vom Designer-Glastisch zu ziehen. Auch Champagner-Konsum war eine lustige Sache, sofern er aus den High Heels von Models oder dem Pokal eines Dart-Weltmeisters erfolgte, den man diesem aber erst einmal stibitzen musste.

Toll auch, dass man damals sogar mit peinlichen Lampenständer-Sonnenhüten mit Werbeschriftzug als cool durchgehen konnte. Oft herrschte Unklarheit, wer vorher da war: britische "Ab Mittag haben wir einen Fetzen im Gesicht"-Ballermanntouristen auf Suche nach dem nächsten Swimmingpool voll Sangria oder Rockstars, die wie sie aussahen. Aber egal. Das ist sehr lange her, und in England wird heute von jungen Männern stattdessen am Laptop Heulsusen-R&B produziert, den man auch besoffen nicht nachlallen kann. Schweinerei! Glücklicherweise aber gibt es die Globalisierung, die mitunter seltsame Blüten treibt.

Zum Bierverschütten


Wir schreiben das Jahr 2016. Von Australien aus laden drei blasse, daheim im Pub nicht weiter als Rockstars auffallende junge Männer mit auf ersten Fotos gerne auch Lampenschirm-Sonnenhüten offenkundig zum Britpop-Revival. Auf die Ursprungsidee, in der eigenen Wohnung ein wenig zu musizieren, ohne jemals live auftreten zu wollen, folgt eine Geschichte der Selbstermächtigung: Das Handwerk wird perfektioniert, der Schlagzeuger entdeckt seine Stimme; der Gitarrist wird zum Produzenten, eine Plattenfirma stellt sich vor und tritt der Band in Sachen Bühnendienst in den Arsch. Das nun vorliegende Debütalbum "Hills End" (Infectious/BMG) klingt entsprechend gar nicht mehr nach dem Do-it-yourself-Anfang und kreuzt gleich eingangs Oasis mit den Happy Mondays.

Tommy O’Dell singt dazu gerne auch patzig im Betriebsmodus "Liam Gallagher", allerdings ohne dessen unmittelbaren "Bum, zack, in die Gosch’n"-Einschlag. Riff-Bretter wie "Too Soon" sind zweifelsohne gut dafür geeignet, live im Stadion volle Bierbecher über anderen Fans zu verschütten. Zwischen hymnisch zur Entladung gebrachten Gefühlsmomenten, um Shoegazing Bescheid wissendem Gitarrenpop und nicht zuletzt dem Hall und den Melodiebögen eines Kurt Vile erlauben sich die Songs aber gerne auch lyrische Noten.

Einem Interview mit dem Portal themusic.com.au zufolge kennt Ex-Oasis-Songschreiber Noel Gallagher die DMA’s übrigens nicht. Dafür aber dürfte er sie bereits ziemlich hassen. Wie gesagt: Fuck, ey?!