Irgendwann im Verlauf des ersten Konzertdrittels wird es so weit sein, dass das Publikum beinahe das ganze rechte Ohrwaschl von Tricky zu sehen bekommt. Der schon von seiner Kunst her an ewige Dunkelheit gewöhnte Trip-Hop-Veteran aus der menschenfeindlichen Zone von Bristol hat sich im Wiener WUK dafür entschieden, unter kaum vorhandener Beleuchtung mit Respektabstand zur Bühnenkante und dem Rücken zum Publikum ein wenig Dienst zu leisten, sprich mit dem Mikrofonkabel zu spielen und manchmal auch zu singen. Allerdings wird der 1968 als Adrian Thaws geborene Finsterling, nachdem er von einem Lichtkegel (Sauerei!) an besagtem Ohrwaschl gestreift wurde, die Technik im Handumdrehen davon unterrichten, dass sie diese und ähnliche Sperenzchen tunlichst zu unterlassen habe. Licht rein? Nicht! Nein!

Wer in den regulär gerade einmal 45 Konzertminuten auf der Bühne steht - und was dort genau passiert -, ist also relativ schwer einzuschätzen. Tricky, sofern man es erkennen kann, heute durchwegs im T-Shirt anstelle des sonst gebräuchlichen Eigenfleischleiberls, hat sehr wahrscheinlich aber nur zwei Musiker mitgebracht. Diese dürfen das aktuelle, mit Stücken von zweieinhalb Minuten oft nur skizzenhaft gehaltene, jedenfalls recht reduzierte Album "Skilled Mechanics" völlig seines elektronischen Ursprungs entheben und mit der Stromgitarre in Richtung Rockismus deuten. Während man Tricky angesichts des Albums Faulheit unterstellen oder man annehmen durfte, ökonomische Zwänge hätten den Rückgriff auf billige Gebrauchssynthesizer und wenig ambitionierte Drumcomputerbeats begünstigt, wird der Sparstift in der Haushaltsführung live einigermaßen eindeutig angesetzt. Immerhin kommen die Stimmen der bei Tricky immens wichtigen Gastsängerinnen heute als Vollplayback vom Band. Der Aufwand, die Reisekosten, die Hotelbuchungen!

Keine Gefahr mehr


Ein Minimalist war der Mann bekanntlich schon immer. In den besten Momenten lebte sein Schaffen gerade von skelettierten musikalischen Bruchstücken und einer ohne große Emphase gewisperten Stimme, die von Abgründen erzählte. Heute im WUK ist es auch deshalb sehr schade, dass Tricky das eine oder andere "Don’t be scared!" einwerfen wird, seiner Kunst aber nichts Gefährliches mehr anhaften will. Allein "My Palestine Girl" mit seinem als Schicksalsschlag angerichteten Beat gibt eine bedrohliche Idee davon, was hier einmal möglich war. "Boy", der Geistesblitz auf "Skilled Mechanics", eine autobiografische Meditation, die den Selbstmord seiner Mutter und eine orientierungslose Jugend inklusive Gewalt und Kriminal mit (realen) Alpträumen und einem Gefühl des Erstickens - Tricky ist schwerer Asthmatiker - kreuzt, steht live leider nicht auf dem Programm.

Nach 45 eher ratlos machenden Minuten ist es also vorerst vorbei, ehe die Arbeitszeit im Zugabenteil mit einem Schelmenstück auf Drei-Akkord-zentrierter Schweinerockbasis noch etwas gestreckt wird. Samt Dampfhammerdrums übernimmt eine Viertelstunde lang der Autopilot, während die Fans auf die Bühne tanzen gehen dürfen.

Augenzeugen zufolge ging sich mit diesem Auftritt eine Steigerung zum verheerenden Konzert in Wiesen von 2014 aus. Es ist das mildeste Urteil, das man auf dem Nachhauseweg fällen kann.

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