Es gibt Legenden, die haben sich überlebt - wie etwa Iggy Pop, Patti Smith oder John Cale. Und es gibt Legenden, die haben sich, schlimmer noch, abgelebt. Bedauernswerterweise gehören die Violent Femmes zu Letzteren.

Die US-Band scheint es geschafft zu haben, eine vermeintlich unkaputtbare Reputation zu ruinieren. Die Violent Femmes, das waren Götter der Indie-Gemeinde, die US-Roots-Musik mit Pop und Punk kurzgeschlossen und dazu in seltener Offenheit dem Triebdruck männlicher Teenager und Früh-Twens Ausdruck verschafft haben. Sogar beim breiten Publikum bekamen sie einen Fuß in die Tür: Immerhin haben sie in ihren mehr als 30 Karrierejahren um die zehn Millionen Platten verkauft, ihr unbetiteltes Debüt von 1983 bekam sogar Platin.

Ganos Sündenfall

Nach ihrer dritten LP, "The Blind Leading The Naked" (1986), begann der Stern der Violent Femmes aber langsam zu sinken. In der Wahrnehmung der In-Crowd wanderte das Trio immer mehr aus dem Zentrum an die Peripherie und verschwand schließlich im Orkus nostalgischer Referenzen. Proportional zur Bedeutung schrumpften auch die Umsätze. Das bis dato letzte Album der Band, "Freak Magnet" von 2000, fand kaum mehr Interesse, und das bisschen Resonanz, das es auslöste, war ungerecht abschätzig.

Dazu leistete sich Sänger und Haupt-Songschreiber Gordon Gano einen genuinen Sündenfall, indem er 2007 einen der Signature Songs der Femmes, "Blister In The Sun", an die Fastfood-Kette Wendy’s lizensierte. Bassist Brian Ritchie widerte das so an, dass er einen Rechtsstreit anstrengte und öffentlich seinen Ekel über "Gordons Geschmacklosigkeit, Gier und Unsensibilität" deklarierte. Das Verfahren haben Ritchie und Gano außergerichtlich beigelegt und ihre Differenzen zumindest soweit gedämmt, dass man wieder zusammen auf Tour geht und jetzt auch eine neue Platte veröffentlicht. Ohne Personenschaden ging die Reunion trotzdem nicht ab, denn Drummer und Gründungsmitglied Victor DeLorenzo hat die Band verlassen - und das nicht im Frieden. In einem Statement beklagte er Respektlosigkeit, Unehrlichkeit und - Déjà vu - Gier. Sein Ersatz ist Brian Viglione, bekannt von den Dresden Dolls.

Resultat eines frischen Energieschubs ist das nun vorliegende neunte Album der Band auch nicht wirklich. Denn großteils wurden für "We Can Do Any-thing" Restln ausgegraben: Songs, die Gordon Gano vor Jahren allein oder mit Partnern wie Sam Hollander, Dave Katz oder Kevin Griffin (Better Than Ezra) geschrieben hat. Das schönste Stück wiederum, "What You Really Mean", eine fließende, wunderbar austarierte Folk-Ballade, stammt aus der Feder seiner Schwester Cynthia Gayneau. Wie allerdings häufig in Fällen, wo aus einem Fundus aus vorhandenem Material selektiert werden kann, ist "We Can Do Anything" eine grundsätzlich runde Sache geworden, die sich nahtlos in den Kanon der älteren Violent-Femmes-Platten einfügt.

Jahrmarktmusik

Von der Anlage her am ehesten ihrer vierten, irreführenderweise "3" betitelten LP von 1989 ähnlich, ist das Album stilistisch vielfältig und laviert - mit auffällig häufigen Akkordeon-Einsätzen - zwischen meist recht flottem Folk, wenig Rock, etwas Country, vereinzelten Jazz-Spitzen und eigentümlichen Bastarden, die sich anhören wie eine Mischung aus Bänkelliedern und Jahrmarktmusik. Ganos Texte, gewohnt virtuos mit Worten und abstrusen Metaphern spielend, ziehen weite Kreise um das Schlachtfeld der Beziehungen: Der Opener "Memory" verknüpft Gedanken an eine Verflossene mit einem taumelnden Ringen um das Gedächtnis; "Untrue Love" verspricht inbrünstig "my untrue love ist true", also das Wahre im Falschen.

Der Titelsong erzählt in Kinder-Abzählreimen eine verquere Drachentöter-Geschichte, und "Holy Ghost" ist augenscheinlich der Name einer Kneipe, in der Satan keinen Auftrag mehr hat. Der aber kommt in "Big Car" auf seine Rechnung. Nicht nur der Titel weckt Erinnerungen an den alten VF-Hadern "Gimme The Car", sondern auch die klassische Assoziationskette Auto - Sex: Ein Mann bekundet seine Absicht, mit seinem Schlitten ein junges Mädchen zu verführen. Dass hinter seinem Vorhaben allerdings buchstäblich Mordlust lauert, das offenbart sich erst am bitteren Ende.