Wien. Die Zusammenarbeit war so hocheinflussreich wie anfangs nicht selbstverständlich: Nachdem zuvor schon Dick Rowe als der Mann in die Geschichte einging, der die Beatles nicht unter Vertrag nehmen sollte, fand auch George Martin an ersten Aufnahmen der Band wenig Gefallen.

Nach wiederholten Treffen allerdings machte es umso nachhaltiger Klick: Bis auf "Let It Be", das 1970 letztlich von Phil Spector verantwortete finale Album, produzierte der am 3. Jänner 1926 in London geborene Komponist, Arrangeur und Multiinstrumentalist alle Alben der Beatles und schrieb so nicht etwa nur ein Stück Musikgeschichte mit. Er war maßgeblich daran beteiligt, wie Pop als Kulturgut ausdefiniert und erst zu dem gemacht wurde, was es noch heute ist.

Sein Einfluss auf die Band schlug bereits bei ersten gemeinsamen Sessions durch. Immerhin kam Martin so selbstverständlich auf die Idee, "Please Please Me" beschleunigt und nicht, wie eigentlich angedacht, balladistisch anzulegen, wie er Paul McCartney später noch hart dazu überreden wollte, konnte und als Überzeugungstäter auch musste, "Yesterday" mit einem Streichquartett auszustatten. Im Spannungsfeld seines orchestralen oder kammermusikalischen, jedenfalls einmal in die Kategorie "E-Musik" gefallenen Zutuns liegt auch eine seiner größten Leistungen: Nicht nur gehen im Grunde alle bis heute im kollektiven Gedächtnis von Generationen an Musikliebhabern abgespeicherten Streicher- und Bläserarrangements der Beatles auf ihn zurück, auch begegnete Martin als immerhin um zwanzig Jahre älterer, studierter Musiker aus der Prä-Pop-Zeit den jungen Kollegen auf Augenhöhe - sowie mit einem offenen Ohr für das Neue. Auf der Kehrseite seiner Klassikelemente als Mitgift war der von Ausschweifung und anderen baldigen Rockklischees ungefähr einige Galaxien weit entfernte Sir schließlich auch dann zur Stelle, als die Beatles freier, experimenteller und drogenbedingt-psychedelischer wurden.

Sechs Jahrzehnte

Wie David Bowie gerne als Ziggy Stardust rezipiert wurde, der er nur für einige Jahre war, oder man Ennio Morricone als Komponisten von Spaghetti-Western kennt, der die meiste Arbeitszeit mit genrefremden Projekten verbrachte, gilt auch für George Martin: Von seiner sechs Jahrzehnte durchmessenden Karriere entfielen gerade einmal acht Jahre auf die Zeit mit den Beatles. Bereits zuvor hatte er aus der belächelten damaligen EMI-Tochter Parlophone Records als Label-Chef eine respektable Marke gemacht, mit der er sich auf klassische Einspielungen und Comedy-Platten spezialisierte. Auch und vor allem aber ermöglichte es ihm der Erfolg mit den Beatles, die einst als Angestellter der Musikindustrie definierte Rolle des Produzenten in Richtung Selbständigkeit zu treiben. Als gefragter freier Mann verantwortete Martin den Sound so unterschiedlicher Acts wie Peter Ustinov, Jeff Beck und Jimmy Webb sowie im Spätwerk 1997 etwa auch jenen von ewigen Problemfällen wie Celine Dion oder Elton John, dessen "Candle In The Wind"-Neufassung er aufnahm.

Einer breiten Öffentlichkeit lag und liegt der Mann nicht zuletzt aber mit zwei Blockbuster-Hits aus dem James-Bond-Universum in den Ohren: Der eine fällt mit "Goldfinger" von Shirley Bassey in den Bereich großes Divenkino. Der andere, "Live And Let Die" von Paul McCartney und den Wings, ist, wie man 2013 auch im Happel-Stadion eindrucksvoll demonstriert bekam, ein rarer Glücksfall im Fach Operettenrock.

Am Dienstag ging eine von 30 Nummer-eins-Hits in Großbritannien gekrönte, buchstäblich einmalige Karriere und ein langer Lebensweg zu Ende. George Martin, der Mann, der sich selbst übrigens nicht als fünfter Beatle sah, ist tot. Er wurde 90 Jahre.