Dass eine Popszene prosperiert, merkt man nicht zuletzt dann, wenn sich in ihr Kreativzirkel bilden. Ein solcher hat sich etwa um Ernst Molden zentriert. Und an ihm ist auch der Unterschied zwischen künstlerischem Austausch und inzestuösem In-sich-Köcheln auszumachen, als Molden ja nicht nur die Wiener(ische) Liedermacherszene fokussiert, sondern auch die anglophile Indie-Pop/Rock-Szene um A Life, A Song, A Cigarette oder Velojet.

Zu einem ähnlichen universalen "Imperium" haben sich über das letzte Jahrzehnt , etwas weniger augenfällig, auch Naked Lunch entwickelt. Sänger, Gitarrist und Songschreiber Oliver Welter frönt neben Soloauftritten musikalischen und kabarettistischen Projekten mit den Entertainern Stermann/Grissemann und dem selbsternannten Generaldilettanten Fritz Ostermayer. Schlagzeuger Alex Jezdinsky ist fixes Mitglied beim Karl Bartos Ensemble. Keyboarder Stefan Deisenberger profiliert sich als gefragter Produzent und Mixer, dessen Arbeit u.a. dem Folk-Septett Nowhere Train und insbesondere A Life, A Song, A Cigarette vorzüglich ansteht.

Bassist Herwig Zamernik, der mit Welter den Kern von Naked Lunch bildet, agiert seit 2005 als Fuzzman. Er stellte sich also zu einer Zeit auf eigene Füße, als Naked Lunch zwar alle Träume von globalem Starruhm begraben hatten, dafür aber als Künstler eine bis heute andauernde Konjunkturphase enterten. Schritt für Schritt hat sich Fuzzman, der dank seines eigenen, sinnigerweise Fuzzroom genannten Studios nicht zuletzt auch ökonomisch auf einem weiteren Standbein steht, eine eigene Identität erarbeitet. Belegen die ersten beiden, englisch gesungenen LPs über größere Teile noch seine Herkunft aus einer Band, in der Dynamik und Wucht bei allem melodiösem Feinschliff immer einen wichtigen Stellenwert eingenommen haben, so schlägt das bereits halb in Deutsch gehaltene 2012er-Werk "Trust Me, Fuckers" einen 90-Grad-Haken Richtung leichtfüßigem Pop, Elektronik und Schlager.

Album Nummer vier, schlicht "Fuzzman feat. The Singin’ Rebels" betitelt, wird mit der Ausnahme von "On The Hill On the Hill" und wenigen sporadisch eingestreuten englischen Einsprengseln komplett deutsch gesungen.

Das wäre heutzutage nicht mehr weiter bemerkenswert, würde Zamernik nicht dauernd mit Stilmitteln auffahren, die man sich bisher auf Deutsch nicht wirklich vorstellen konnte. Im Song "Straßenhund" etwa schafft es schon allein der Titel, zu irritieren. Und das hat - eben - viel mit unserem angelernten Verständnis von Popmusik zu tun: Auf Englisch würde er als "Stray Dog" unhinterfragt akklamiert.

Als Titel eines deutschsprachigen Popsongs aber mutet er unwillkürlich komisch an. Obendrein ist der Song ein Liebeslied, und Zamernik setzt mit dem Text eine unglaublich schöne Melodie aufs Spiel: Die Kausalkette "Ich liebe dich, weil..." hat schließlich schon Ungeheuer wie "ein Herz wie ein Bergwerk" geboren. Zamerniks sonore Stimme gleitet indes mit derselben majestätischen Grandezza über die kleine Fallgrube wie über eine ziemlich frivole (verbale wie auch musikalische) Anleihe bei Jackie DeShannons Klassiker "Put A Little Love In Your Heart" in "Deine Liebe und du".

Die Soul-Geschichte greift Zamernik auf dieser klangbildlich von unterschiedlichen Keyboards zwischen 80er-Italo-Disco und nervösem Synthie-Geschwirre dominierten Platte noch mehrere Male auf - am schönsten im Schlusssong "Alles aus". In Stücken wie "Die Sonne und das Glück" und besonders "Übers Land" wiederum führt er seine Auseinandersetzung mit dem Schlager fort - die "Peinlichkeit" des Genres einfach ungefiltert stehen lassend. Dieser Mann kennt keinen Genierer. Und das ist gut so, sehr gut sogar.