Das Gegenteil von geschmeidig: der Musiker Alfred Goubran. - © Arnold Pöschl
Das Gegenteil von geschmeidig: der Musiker Alfred Goubran. - © Arnold Pöschl

Zwei Platten aus Österreich,die formal sehr unterschiedlich sind, aber atmosphärisch auf ziemlich ähnlichen Wellenlängen liegen. In beiden geht es um den Versuch des Individuums, seinen Platz in einer feindlichen Umwelt zu behaupten. Alfred Goubran geht dafür den Weg der direkten Konfrontation; Hans Wagner, Kopf der Wiener Band Neuschnee, verklausuliert das Drama in gleichnishaften Wort- und symphonischen Klangbildern.

Seit er 2010 seinen exquisiten Verlag Edition Selene eingestellt hat, betreibt der gebürtige Kärntner Alfred Goubran das Projekt Goubran. "Irrlicht" ist seine zweite LP nach seinem "Die Glut" betitelten, von Naked-Lunch-Sänger Oliver Welter produzierten Einstand als Musiker im Jahr 2014. Unterstützung geben ihm hier - und das sagt viel über seinen recht schnell gewachsenen Stellenwert in der heimischen Szene aus - Asse wie Lukas Lauermann und Hannes Wirth von A Life, A Song, A Cigarette, Stefan Deisenberger von Naked Lunch und Markus Perner (Garish).

Mit seiner Mischung aus akustischem Blues, etwas Folk und grobkantigem Rock mutet Goubran bisweilen wie eine deutschsprachige Antithese zu Georg Altzieblers Son Of The Velvet Rat an. Goubran ist das Gegenteil von geschmeidig: Vielmehr kehrt er, manchmal etwas gar offensichtlich Tom Waits sein wollend, das Raubein hervor. Für Stimmen wie die seine pflegen Kritiker gerne Vergleiche zu 167 rostigen Reißnägeln zu bemühen.

Und ein klassischer Ich-hätt-ein-braver-Bub-werden-sollen-und-jetzt -seht-her-was-aus-mir-geworden-ist-Text wie der von "So bin ich erzogen" tut das Seine, um Widerborstigkeit ostentativ herauszustreichen. Trotzdem ist Goubran besser, wenn er, anstatt sich selbst zu inszenieren, über andere herzieht. Gleich am Anfang stellt er mit einer schön widersprüchlichen Metapher den durchaus nicht artenschutzwürdigen Typus Mensch bloß, der sich mit Weltschmerz dekoriert: "Denn er weiß, er muss ein wenig zugrunde gehen, um auch weiterhin im Spiel zu sein." In "Tod der schönsten Stunde" wiederum geht es gegen die Schickeria: "Du bis en vogue, du bist dabei, du bleibst dir nur vor andern treu, du stellst dich ein, du borgst dich aus, du bist nur Gast im eig’nen Haus . . ."

Neuschnee um den gebürtigen Berliner Hans Wagner haben mit "Schneckenkönig" ihre dritte LP gemacht. Es ist nicht weniger als eine Rock-Oper über die Conditio humana. Der tägliche Kampf mit den Unabwägbarkeiten des Lebens und der Macht des Schicksals ist verklausuliert in der Geschichte eines Königs, der rastlos durch sein Reich streift wie "ein Blatt im Wind", wie "ein Seemann ohne Schiff auf dem Meer". Im "Hotel zum Paradies", wo "nicht die Hölle los" ist, beginnt die Reise. Sie wird - das darf man vorwegnehmen - in einer vermeintlich trivialen Erkenntnis enden: Der Weg ist das Ziel.

Wagner bedient sich mehrerer Mittel, seine Erzählung zu transportieren. In Stücken wie "Das große Vielleicht" ist sie in Metaphern codiert, anderswo tun es Rollenspiele. Wenn Goubran "die da oben" herausfordert, die seine Steuern erhöhen, seinen Lohn einfrieren und den Gewinn den Banken in den Rachen schieben, gibt Wagner den Business-Hai, der sich die Bedingungsgefüge im heutigen Wirtschaftsleben zunutze machen will: "Ich habe eine Strategie und die wird zünden." Wie das geht? "Ich schreibe noch ein, zwei Verse, dann geht dieser Song an die Börse, und holt sich, was er sich verdient."

Außer Schlagzeuger Clemens Wannemacher und Wagner selbst, der Gitarre, Bass und Keyboards bedient, spielen bei Neuschnee nur Streicher. Das ist in keiner Weise schrecklich und verstärkt den reizvollen, der Geschichte sowieso latent immanenten dekadenten Appeal des Werks.

In "Großstadtgewitter" etwa konterkariert eine Streicherburleske ein pumpendes Synthie-Motiv. Wohl um den Bogen nicht zu überspannen, hält Wagner in einigen Songs mit hantigem Rock dagegen. Dass das Opus am Ende die volle symphonische Breitseite auffährt, ist aber dramaturgisch nur logisch.