Tanzen und Fluchtgedanken: Die Pet Shop Boys stemmen sich gegen die Veränderung. - © Pelle Crepin
Tanzen und Fluchtgedanken: Die Pet Shop Boys stemmen sich gegen die Veränderung. - © Pelle Crepin

Der Albumtitel ist ein wenig bemüht. Immerhin galt es von der Ausgangssituation her als eher unrealistisch, dass der 13. Streich der Pet Shop Boys nun das beste Album in ihrem Werkkatalog würde. Auch lässt die globale Nachrichtenlage aktuell keinen Grund für Frohbotschaften zu. Und in Schnitzelland selbst wiederum ist das namensgebende Wörtchen, alles andere als euphorisch ausgesprochen, durch eine Werbekampagne nicht unbedingt zu seinem Vorteil besetzt. Und doch steht einigermaßen überzeugt in Versalien "Super" auf dem Cover geschrieben.

Feschsein in der Disco


Wie bereits auf dem Vorgänger "Electric" von 2013 hat sich das verdiente britische Duo dafür mit Stuart Price zusammengetan, der nach seiner Arbeit für die 80er-Jahre-Wiedergänger Zoot Woman im großen Mainstreamfach dann auch Madonna und den Killers in Sachen Käsekeyboards und Dancefloorkompatibilität aushelfen durfte. Sänger Neil Tennant, der 61-Jährige mit dem mittlerweile spärlich vorhandenen und nun auch schon seit geraumer Zeit grauen Haupthaar, und sein diesbezüglich mit Brillengestell und Kopfbedeckung gewohnt gut verschleierter 56-jähriger Kompagnon Chris Lowe haben - ein Vergleich zu Madonna, dem ewigen "Girl", drängt sich auf! - die Jugend ja schon mit dem Bandnamen eingebrannt. Auf "Super" wird man entsprechend mit jetsettenden Disco- und House-Elementen samt Plastikklavier und Dosengitarren, hüftsteifem Funk und stramm elektrolastig bis technoid gesetzten Vierviertelbeats auch faule Textplattitüden vom Feschsein in der Disco ("Look at me . . . I’m just so groovy!"), vom Verrücktsein nächtens im Club ("Do you want to? Do you want to go pazzo? You’re crazy. That’s insane!") oder vom Abfackeln des Tanzbodens ("We’re gonna burn this disco down before the morning comes") zu hören bekommen.

Andererseits ist da diese über den gesamten Karriereverlauf von mittlerweile stolzen dreieinhalb Dekaden in ihrer Klangfarbe praktisch unveränderte, vom Grundton her bevorzugt auf Melancholie gepolte Stimme Neil Tennants, die als vertraut-bewährter Wegbegleiter sofort ein Gefühl des Nachhausekommens vermittelt. Auch musikalisch sollen ja keine Neuigkeiten das vom Informationsüberfluss und vom Schritthaltenmüssen mit einer sich immer schneller verändernden Welt müde Gemüt weiter mit Ungewohntem überfordern. Ein Vorrecht von Pop als institutionalisiertem Kulturgut: Alles darf hier noch so sein, wie es immer war. Fragen Sie einmal die Rolling Stones!

Konsequenterweise geht es auf "Super" bald auch selbstreferenziell zu. Zumindest von der eigenen Biografie inspiriert erinnern sich Tennant und Lowe an ein Heranreifen als verliebte "Pop Kids" seinerzeit an der Uni. Sie sind allerdings nahe am Zeitgeist und schlau genug, eine Rückblende auf die Phase als "Twenty-something" im Wissen um die heutige Hektomatikwelt anzulegen. Im gleichnamigen Stück stellen sich die Pet Shop Boys die Frage, wie sich für eine kompetitive Start-up-Generation im hip-gentrifizierten städtischen Ballungsraum denn bitteschön alles ausgehen soll. Und sie nehmen sich für die Dystopie (oder die Realbeschreibung?) einer "Sad Robot World" mit uns allen als 24/7-Dienstleistern auch eine musikalisch hochwillkommene Auszeit von den Dancefloor-Vorgaben.

Hauptsache fort


Nachdem mit "The Dictator Decides" noch ein Führer in der Sinnkrise porträtiert wurde, "Inner Sanctum" kalten Retrofuturismus regieren ließ und "Undertow" hübsch auf den Spuren der alten Weggefährten von New Order discotanzte, kommt die nebelgraue Verabschiedung mit "Into Thin Air" zumindest in einer Hinsicht als Analogie zum Rausschmeißer des aktuellen Albums von Iggy Pop daher: Wollen die Protagonisten angesichts der kalten, harten Fakten des Lebens an dieser Stelle doch nach . . . Hauptsache fort. Irgendwann bleib’n sie dann dort! Alles ist nämlich doch nicht immer so super.