Jüdischer Rock’n’Roll mit Kampfbemalung von Kiss. - © JMW
Jüdischer Rock’n’Roll mit Kampfbemalung von Kiss. - © JMW

"Ich hörte von einem geheimnisvollen Akkord, den David spielte und der dem Herrn gefiel." Diese Songzeilen aus Leonard Cohens Breitwandhit "Hallelujah" begrüßen den Besucher der neuen Sonderausstellung im Jüdischen Museum Wien. Und sie setzen die Tonlage für die Schau "Stars of David", die sich mit Unterhaltungsmusik und ihren jüdischen Wurzeln auseinandersetzt.

Es wird kaum ein Genre ausgelassen in dieser Ausstellung. Im ersten Raum werden zwei Säulenheilige der jüdischstämmigen Komposition geehrt, Leonard Bernstein, der via (leerem) Frack vertreten ist und George Gershwin, der via Andy-Warhol-Porträt zugegen ist. Die Schau folgt jüdischen Emigranten in die USA, wo sie sich anschickten, die Populärkultur nicht nur zu prägen, sondern zu formen. Etwa der aus Russland stammende Einwanderer Irving Berlin, der den Patrioten-Herzweichmacher "God Bless America" schuf. In einer "Hall of Fame" hängen Goldene Schallplatten (etwa von Popsängerin Pink), in der Mitte steht ein Oscar von Erich Wolfgang Korngold.

"Urjüdisch": die Klarinette


Auch eine kleine Jazzbar wurde aufgebaut. An den Tischen hängen Kopfhörer, zu hören sind so unterschiedliche Künstler wie Stan Getz, Benny Goodman, Charlie Parker, Giora Feidman. Auf der Bühne stehen zum Einsatz bereite Instrumente. Man erfährt, dass die Klarinette das typischste jüdische Instrument ist, weil sie so viel "Menschliches" kann: "schluchzen (krechzn), jammern (kwetschn), seufzen (kneithsn) und lachen (tshok)". In einem Video wird erzählt, wie wichtig russische Wiegenlieder für die musikalische Entwicklung eines gewissen Louis Armstrong waren. Der war als Kind von der jüdischen Familie Karnofsky aufgenommen worden. Ein Videoclip erinnert daran, dass die intensive Anti-Lynch-Anklage von Billie Holiday, "Strange Fruit", vom jüdischen Autor Abel Meeropol stammte.

Weiter geht es mit dem Glamrock von Kiss, dem Rap der Beastie Boys, dem Folk von Bob Dylan. Zeit nehmen sollte man sich für das amüsante und nachdenkliche Interview mit Gene Simmons von Kiss. Er hält zwar Bob Dylan vor, dass er seinen Namen, Robert Zimmermann, geändert habe. Aber er fügt hinzu: "Aber jüdische Namen klingen nicht cool, wir Juden verstehen das." Er erzählt von jungen Deutschen, die er auf Tourneen kennengelernt hat, die sich für die NS-Zeit genieren. Er erinnert sich, wie er seiner Mutter, vor deren Augen ihre Familie im KZ ermordet wurde, von dieser neuen deutschen Generation berichtet hat und wie sie gelächelt habe: "Da wusste ich, es gibt vielleicht keine Vergebung, aber es gibt Hoffnung."

Den Kuratoren Alfred Stalzer und Marcus G. Patka ist ein kurzweiliger Überblick über das jüdische Musikwesen des letzten Jahrhunderts gelungen. Sehr in die Tiefe geht die Ausstellung nicht - das ist der Fülle an Informationen geschuldet. Jeder einzelne Teilbereich hätte eine eigene Schau füllen können. Man würde gern mehr erfahren über jene Musiker, die sich offensiv mit ihren jüdischen Wurzeln in ihrer Kunst befasst haben, wie Leonard Cohen. Über Sammy Davis Jr.s Konversion zum Judentum gäbe es auch mehr zu erzählen, als seine Menora aussagt, die hier in einer Vitrine steht.

Fruchtbare Kooperation


In einer Schau, die auch viel Wert darauf legt, zu vermitteln, dass die schwarze und die jüdische Minderheit die Populärmusik erst in fruchtbarer Kollaboration zum Mainstream gemacht haben, ist schade, dass nur am Rande erwähnt wird, wie diese Verbindung zerbrach. Die jüdischen Produzenten der 60er und 70er, die den Sound von Epochen schufen, sind hier meist nur Fußnoten. Eine davon findet sich in einem Video, in dem berichtet wird, wie der Produzent Jerry Wexler 1968 von Black-Power-Aktivisten angegriffen wurde. Sie warfen ihm vor, schwarze Künstler auszubeuten.

Wer mehr in die Tiefe gehen will, als es die Ausstellung schafft, etwa was die Nazisymbolik jüdischer Punkbands angeht, dem sei der Katalog empfohlen. Dass die Schau, wie von Direktorin Danielle Spera angekündigt, so konzipiert ist, dass sie schon für Junge interessant ist, ist fraglich. Der jüngste jüdische Hitfabrikant, Hiphopper Drake, der gar seine Bar-Mitzwa im Musikvideo nachstellte, müsste da wohl eine größere Rolle spielen.

Ausstellung

Stars of David

Jüdisches Museum, bis 2. Oktober