Am 17. Mai wird Udo Lindenberg 70 Jahre alt. Zumeist hat seine Karriere die Mittelspur der Straße, die sich Rock nennt, genommen. - © Tine Acke
Am 17. Mai wird Udo Lindenberg 70 Jahre alt. Zumeist hat seine Karriere die Mittelspur der Straße, die sich Rock nennt, genommen. - © Tine Acke

Es hat Momente gegeben, da war Udo Lindenberg zum Vergessen. Zu seinem und unserem Glück ist ihm dieser Gefallen auch gemacht worden. Nur nachtragende Eigentümer reizbarer Geschmacksnerven erinnern sich daher etwa noch an eine Peinlichkeit wie die Single "Father You Should Have Killed Hitler". Oder an seinen illuminierten Auftritt bei "Wetten, dass...?" 2011 in Halle an der Saale, bei dem er - mit Zungenschlag und Konsonantenverschiebung - einen Redeschwall hinlegte, der sogar Thomas Gottschalk die Sprache verschlug.

Honecker in Thailand?

Verständnisprobleme verursachte Lindenberg bisweilen aber auch auf amüsante Art. 1983, als die Welt noch nicht so global war wie heute und Deutschland noch getrennt, wunderte sich unsereiner über den "Sonderzug nach Bangkok", den man aus der eingedeutschten Version des "Chattanooga Choo Choo" herauszuhören meinte. Man rätselte, was in aller Welt DDR-Staatschef Honecker darin zu suchen hatte. Erklärte es sich damit, dass der Schienenweg in die thailändische Hauptstadt eben durch DDR-Territorium führen müsse? Aber wollte denn Udo extra für ein Fläschchen Cognac mit "Honey" die Fahrt unterbrechen? Fragen über Fragen.

Bis irgendwann der Hammer der Aufklärung zuschlug und klar wurde, dass der Sonderzug gar nicht nach Bangkok fuhr, sondern in den Bezirk Pankow im Osten der damaligen Mauerstadt Berlin.

Der freche und herausfordernde "Sonderzug nach Pankow" ist einer von Udo Lindenbergs größten Singlehits (und mit seinem flotten New-Wave-Arrangement auch eine seiner wenigen Konzessionen an einen musikalischen Trend). Seine weitest verbreitete musikalische Arbeit wird kurioserweise allerdings kaum mit seinem Namen assoziiert: Es ist das "Tatort"-Thema von Klaus Doldingers Passport von 1971 - der damals 25-jährige Lindenberg saß bei der Aufnahme am Schlagzeug.

Er trommelte noch für andere Prog-, Jazz- und Hardrock-Formationen wie Emergency oder Atlantis - bis er in eigener Sache zum Mikro griff und 1972 seine erste deutschsprachige LP "Daumen im Wind" erschien. Seit dieser Platte, so schrieb damals ein Kritiker im "Musik Express", sei es vorstellbar, dass Engländer und Amerikaner eines Tages mit der gleichen Selbstverständlichkeit deutschsprachigen Pop hören würden wie in unseren Landen englische Texte akzeptiert werden.

Das ist, wie man weiß, nicht wirklich eingetreten. Dass es zumindest aber keine Anomalie mehr darstellt, dass Künstler aus dem deutschen Sprachraum auch deutsch singen, ist dagegen Fakt. Es war mühsam genug - und Udo Lindenberg hat dazu einen kaum zu überschätzenden Beitrag geleistet.

Vor Lindenberg hatten bereits Rockmusiker deutsch gesungen. Die Nürnberger Krautrockband Ihre Kinder etwa oder die stark politisch konnotierte Prä-Punk-Formation Ton Steine Scherben. Lindenberg aber dockte die deutsche Sprache an Pop an. Dafür borgte er ziemlich ungeniert auch Elemente vom Schlager aus und griff wie dieser auch gerne auf Anglizismen ("Candy Jane") zurück, wenn das sperrige Deutsche anders nicht zurechtzubiegen war. Lindenberg besang neben Beziehungen soziale Phänomene, politische Themen, das Showbusiness selbst und gerne auch seine Neigung zu belebenden Stimulanzien.

Breitwand-Rock

Manchmal konnte das Ergebnis so daneben sein wie seine PR-Fotos mit barbrüstigen Models; manchmal war es lustig, manchmal rätselhaft. Musikalisch hat sich Lindenberg kaum je durch besondere Spitzfindigkeiten hervorgetan: er hat sich der Abwechslung halber manche Kooperationen mit Bläsern und Streichern gegönnt, aber zumeist ist er auf der Mittelspur der Straße, die sich Rock nennt, geblieben.

Das ist bei seinem neuen Album, "Stärker als die Zeit", nun nicht anders. Zu meist gemütlichem Breitwand-Rock zieht Udo Bilanz und fährt dabei mit seiner üblichen Bandbreite zwischen Plattheit, echtem Witz und Genialität auf.

Ein Loblied auf seinen von Alkohol, Zigaretten und Drogen geschundenen Körper krönt Lindenberg mit der Einsicht "Ich war für dich kein guter Bodyguard" - und "Plan B" wiederum lässt die eigene Sturheit hochleben: "Ich habe tausend Pläne, doch Plan B hab ich keinen", heißt es da, und an anderer Stelle: "Konsequenz hat einen Namen, und der fängt mit ,U‘ an."