Erst Anfang Februar im Rahmen der Super-Bowl-Halbzeitshow konnte man Beyoncé dabei erleben, wie sie und die erhebliche Womenpower ihrer im Gleichschritt tanzenden Bühnenentourage ein Zeichen setzte. Nur welches? Zwischen kampfeslustig zur Schau gestellter Selbstermächtigung und einem Bekenntnis zum Schwarzsein unter Rückgriff auf Klischees - der derzeit größte weibliche R&B- und Popstar der USA sang hier darüber, seine "negro nose" und "Jackson-Five-Nasenlöcher" zu mögen - und nicht zuletzt im streng-schwarzen Lederlook als Hommage an die Black-Panther-Bewegung hörte sich der zu präsentierende neue Song "Formation" vordergründig ja eher so an: "Ich bin nicht gekommen, um mit euch Huren zu spielen. Ich bin gekommen, um zu töten. Schlampe!"

Nebensache Musik


Glücklicherweise hat die 34-jährige Sängerin eine zumindest partielle Abkehr vom sonst gerne auch unterwürfigen Schlafzimmer-R&B - Beyoncé bezeichnet sich selbst als "modern-day feminist", hört man sich ihre Texte genauer an, muss die Selbstbeschreibung aber meistens nach "modern-day" enden - dann aber eh nicht in eine Art Agitprop-Dissertation in Albumform umgemünzt. Angesichts ihres gerade abermals ohne Vorankündigung veröffentlichten, von einem gleichnamigen Film begleiteten sechsten Studiostreichs "Lemonade" wurden auch andere Wege gefunden, damit sich niemand über die Musik selbst unterhalten muss.

Wer derzeit beim Friseur zum Stapel mit den bunten Blättern greift, die sich nicht auf fahrbare Untersätze, neueste Extension-Trends oder Photoshop-Hoamatkitsch aus dem schönen Salzburgerland konzentrieren, weiß es bereits: Beyoncé singt auf "Lemonade" so nachdrücklich über das Betrogenwerden - und seine Folgen -, dass alle Welt spekuliert. Immerhin führt die Frau mit Rapper Jay Z die neben vielleicht Kanye West und Kim Kardashian publicityseitig wichtigste Ehe unseres seltsamen Heimatplaneten. Ob nun Jay Z selbst der gescholtene Falott ist oder doch nur ein fiktives lyrisches "Er", und was es mit der "Becky mit den schönen Haaren" auf sich hat, zu der sich der Hallodri bitteschön wieder schleichen möge, wäre etwa zu klären.

Beyoncé jedenfalls nützt die Ausgangssituation für eine Aufarbeitung sämtlicher (Leidens-)Stadien zwischen Enttäuschung, Reue (sie verflucht die Nacht, in der sie den Ring angelegt hat), Ärger (sie erinnert den Falotten daran, dass er - Zitat! - mit keiner Durchschnittsschlampe verheiratet sei) sowie Auferstehung im Sinne der für sie stets so wichtigen Selbstermächtigung. Wie gesagt, Beyoncé will nicht mit uns Huren spielen. Sie ist gekommen, um zu töten. Und sie wird uns dabei auch Textzeilen um die Ohren hauen, die nicht immer freiwillig komisch sind: "Suck on my balls, I had enough!"

Zweifelhafte Bilder


Stilistisch ergibt das unter Rückgriff auf 16 Produzenten (Beyoncé bezahlt ihre Honorare vom Konto weg, sie braucht dazu nicht auf das Scheidungsgeld zu warten) einen Fleckerlteppich. Zu den seit 2013 experimentelleren elektronischen Neo-R&B-Formalismen und eingestreuten Vintagesamples kommen die Kontributoren wie Ezra Koenig von Vampire Weekend oder der standesgemäß larmoyant in die Schmerzenspose gehende James Blake heute verstärkt auch aus Indiehausen. Jack White hat Beyoncé die auf einem Led-Zeppelin-Sample basierende B-Seite "Don’t Hurt Yourself" überlassen. Gemeinsam mit dem politisch tatsächlich wachen Kendrick Lamar als Gastrapper wiederum wird "Freedom" gegeben, in dessen Video die Mütter von Trayvon Martin, Michael Brown und Eric Garner an ihre durch Polizei- und Bürgerwehrgewalt getöteten Söhne erinnern.

Einmal nachdenken könnte Beyoncé darüber, wie in diesem Zusammenhang der Text zum plötzlich auch musikalisch bieder nach Nashville schauenden Hemdsärmel-Country von "Daddy Lessons" wirkt. Hier wird die Geschichte der Selbstermächtigung atemberaubend unreflektiert als Halbmetapher in Sachen Schusswaffengebrauch angelegt: "With his gun, with his head held high / He told me not to cry / Oh, my daddy said shoot / With his right hand on his rifle / He swore it on the bible / My daddy said shoot!"

Veröffentlicht wurde das Album übrigens auf Jay Zs Streamingdienst Tidal. Das Geld bleibt also auf jeden Fall in der Familie. Man ist ja nicht blöd.