Ernst Molden ist auf seine eigene Art nah am Wasser gebaut. Er gehört von Kindheit an zu den nicht sehr zahlreichen Menschen, die eine besondere Beziehung zur Donau haben. Liebend gern würde er sich, "wenn der Fluss ruft", in einer Fischerhütte einquartieren - "allein, meine Liebste folgt mir nicht. Wenn die erste Gelse am Horizont auftaucht, hat sie schon die Picknickdecke zusammengelegt."

Die Donau und ihre schöpferische Ader, die sich heute noch in Auwäldern und einigen bis ins Wiener Stadtgebiet reichenden Flussarmen offenbart, nimmt in vielen Werken des Sängers, Songschreibers und Autors eine wesentliche - oder besser: wesenhafte - Rolle ein. Die Lobau etwa ist der wahrhaft unheimlich beseelte Schauplatz seines Krimis "Austreiben". Symbolkräftig genug, entstand das Cover zu seiner LP "Es Lem" von 2011 am Lusthauswasser im Prater, dem südlichsten natürlichen Altarm der Donau. "Ich sage immer, das Lusthauswasser ist mein Bayou", so Molden im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Selbstmörder und Gelsen


Flussmenschen haben eine Witterung für ihresgleichen. So war es denn alles andere als ein Zufall, dass ihn Carl Manzano, der Direktor des Nationalparks Donauauen, kontaktierte. "Er hat abgecheckt, dass ich mich ein bisschen mit dem Fluss auskenne", erzählt Molden. "Als ich bei einer Ausstellungseröffnung gespielt habe, war er auch da und fragte mich, ob ich nicht einen Liederzyklus zum 20. Geburtstag des Nationalparks Donauauen schreiben wolle. Ich bin an sich überhaupt kein Typ für Auftragsarbeiten - aber hier deckte sich der Auftrag mit einer persönlichen Vorliebe. Ich hatte, kann man sagen, diesen Zyklus schon lange in mir." "Schdrom" (Monkey Music) nennt sich Moldens Geburtstagsständchen an das kontinuierlich wiederverwilderte Naturschutzgebiet zwischen Wien und der Staatsgrenze bei Hainburg, in dem die Donau über fast 40 Kilometer frei fließt. Wie man erwarten konnte, beschreibt Molden diesen Lebensraum für Eigenbrötler, bedrohte Pflanzenarten, seltene Tiere und solche, die in Scharen auftreten wie die unvermeidlichen Gelsen, nicht im Stil eines Werbeprospekts. Vielmehr schildert er auf recht spröde Weise eine wilde, in vielerlei Hinsicht unzugängliche und abweisende Landschaft, die sich nicht dazu herablässt, für gefällige Panoramafotos Modell zu stehen. "Es is schiach do", singt Molden - so langgezogen, dass es wirklich niemand falsch verstehen kann - in "Menschen en Woed". "Gemma ins Wossa", eine Adaption des Gospel-Blues-Traditionals "Wade in the Water", handelt vom Fluss als letzter Ruhestätte.

Auftraggeber Manzano reagierte, wenn man Molden glauben will, auf solche Verstöße gegen die Prämissen marketinggerechter Schönfärberei "konziliant". "Beim Refrain ,Es is so schiach do‘ ist er aber schon zusammengezuckt", lacht der Musiker bei der stilgerechten Präsentation der Platte auf einer Tschaike (einem historischen Donauschiff) in Orth an der Donau, wo er auch 80 Prozent des Repertoires schrieb. "Ansonsten wollte er nur die ganz deprimierenden Nummern nicht gleich am Anfang haben. Ich glaube allerdings, sogar bei den ,garstigen‘ Liedern merkt man, wie gern ich das alles habe."

Verweise zum sumpfigen Blues


Musikalisch standen Molden weitgehend bewährte Kräfte zur Seite: Walther Soyka, Ziehharmonika und Stimme, Karl Stirner, Zither und Stimme, Hannes Wirth, Gitarre und Stimme, Sibylle Kefer, Stimme und Querflöte. Willi Resetarits singt in zwei Stücken. Eine echte Bereicherung fand das Line-up durch den Sopran-Saxofonisten Andrej Prozorow. "Bei der ersten Probe", erzählt Molden, "hatte Andrej eine Idee, Sibylle hat das mit ihrer Querflöte aufgefangen, und schon hatten wir einen kompletten Bläsersatz." Wie dieser die Moll- und Kater-Stimmung mehrerer Stücke vertieft, weckt Assoziationen zum sumpfigen Blues um New Orleans, die US-Südstaaten-Metropole am Mississippi. Es passt ins Bild, wenn Molden erzählt, beim Schreiben von einigen grundsätzlichen Motiven ausgegangen zu sein. Zum Beispiel dem des riesigen Schubverbandes, der im Schneckentempo den Strom hinauffährt und als "Schleppa" die LP abschließt. "Die Beharrlichkeit, mit der sich dieser Schlepper gegen die Strömung hinaufarbeitet, verlangte nach passenden Sprachbildern. In dem Fall ist ein Liebeslied herausgekommen." Wenn auch naturgemäß ein melancholisches.