Keine Nostalgie: Peter Rehberg alias Pita kredenzt auf "Get In" eine Form elektronischer Kammermusik. - © Magdalena Blaszczuk
Keine Nostalgie: Peter Rehberg alias Pita kredenzt auf "Get In" eine Form elektronischer Kammermusik. - © Magdalena Blaszczuk

Peter Rehberg alias Pita mag Richtungen und Bewegungen des Hineinkommens, Herunter- oder Aussteigens. Nach "Get Out" (1999 und 2008), "Get Down" (2002) und "Get Off" (2004) folgt nun mit zwölfjährigem Abstand "Get In". Der 1968 in London geborene Wahlwiener war in der Zwischenzeit aber keineswegs untätig. Diverse Alben erschienen zwischen 2006 und 2016: zusammen mit Stephen O’Malley (als KTL), in Form von Soundtracks für die französische Choreographin Gisèle Vienne oder - die "Wiener Zeitung" berichtete davon - im Trio mit Christian Schachinger und Christina Nemec als Shampoo Boy. Neben seiner musikalischen Tätigkeit kümmert sich Rehberg auch noch um die exzellente Editions Mego.

Kühlschrank-Klänge

1994 gründete Rehberg zusammen mit Ramon Bauer, Andreas Pieper und Peter Meininger das Label Mego, das schon bei seiner ersten Veröffentlichung im folgenden Jahr unterstrich, dass hier ebenso Abenteuerliches wie Verrücktes passierte. Für das Album "Fridge Trax" von General Magic (Pieper und Bauer) und Pita, das anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums im letzten Jahr in einer Deluxe-Variante wiederveröffentlicht wurde, nahmen die Labelgründer Klänge von Kühlschränken auf.

Was sich zunächst anhört wie ein übermütiger Gag, war indes ein spannendes Ambientexperiment. Schon bald folgten neben Eigenproduktionen Alben von Fennesz, Jim O’Rourke oder Farmers Manual. 1999 wurde Mego gleich mehrfach mit dem Prix Ars Electronica Distinction Award für Digital Music geehrt: Fennesz’ "Hotel Paral.lel" erhielt den Preis ebenso wie Pitas "Seven Tons For Free". Im selben Jahr erschien die gleichermaßen ungewöhnliche wie aufregende Zusammenarbeit von Fennesz, O’Rourke und Rehberg unter dem Namen "The Magic Sound Of Fenn O’Berg", dem 2002 "The Return Of Fenn O’Berg" folgte.

Mego verschloss sich jedoch auch nicht dem Illustren. 2003 etwa setzte es "Kitsch Concrète" von Fritz Ostermayer, dem FM4-Sumpfisten, der seit 2012 der Schule für Dichtung vorsteht. Mego verkörperte die Lust am Experiment, das Vergnügen am Spiel mit verfremdeten Klängen und unerhörten Soundsphären und wurde zu einem der wichtigsten Labels für elektronische Musik.

Nach Auflösung des Labels im Juni 2005 setzte Rehberg es 2006 als Editions Mego fort. Mittlerweile gibt es mehr als 200 Veröffentlichungen. Zu den Künstlern zählen neben Prurient, Tujiko Noriko oder Florian Hecker auch Oren Ambarchi, Kevin Drumm oder Oneohtrix Point Never.

Rehbergs Rückkehr als Pita beginnt nun mit einem bedrohlichen Brodeln ("FVO"), doch schon im anschließenden "20150609 I" werden die Klangsequenzen erratisch filetiert. Bei den Soundbrechungen könnte man eine Nähe zu Aphex Twin ausmachen, ohne dessen aufblitzende Orientierungspunkte. Kaum erhebt sich eine harmonische Tonfolge, wird diese auch gleich wieder von Einschüben gespalten, als handle es sich um einen Dialog, der nicht gelingen will, da Rauschen und Lärm ein Verstehen verunmöglichen. In "Aahn" wiederum siedet die Musik, als befände sich der Hörer auf einem fremden, unwirtlichen Planeten des Star-Trek-Universums, dessen heiße Quellen auf vulkanische Aktivität hindeuten.

Frühbarocke Brandung

Überhaupt haftet den Klängen etwas Alienierendes (=Entfremdendes) an, auch wenn sie melodiös anmutig schweben wie bei "Line Angel", das auch gut als Soundtrack für die lichteren Momente in "Blade Runner" funktionieren würde. "S200729" spielt mit Hörgewohnheiten: Der eingängige Rhythmus wird auf disharmonische Weise kunstgerecht zerlegt, sodass er sich selbst zurückzieht - und man reflexartig den "Fehler" nicht bei der Musik, sondern im Versagen der Technik suchen möchte.

In "Mfbk" wogt die Musik wie eine frühbarocke Brandung in Moll, die an die Gambenstücke eines Tobias Hume denken lässt. Pita tendiert hier zu einer Form elektronischer Kammermusik, die immer wieder durch Einschübe herausgefordert wird, so etwa bei "9U2016", wo zunächst motorsägende Sounds dominieren, um dann von einem Stakkato abgelöst zu werden, dessen Rumpf an Acid erinnert. So pendelt "Get In" zwischen den Extremen intimer Soundflächen und noiseartigen Eskapaden, die ohne Nostalgie die Lust am Experiment auf gewohnt ungewohnte Weise fortsetzen.