Ist James Blake ebenfalls ein "Mann, der auf unerträgliche Weise alles richtig macht", wie Diedrich Diederichsen einstmals Elvis Costello bezeichnete? Es sieht fast so aus. Mit dem Unterschied vielleicht, dass Blake eigentlich auf ziemlich erträgliche Weise alles richtig macht. Er hat sich, nachdem er mit seinem unbetitelten Debüt von 2011 Aufsehen erregt und durch den Zusammenschluss von Kunstlied, Dubstep und elek-tronischer Musik eine durchaus neue Klangsprache im Pop implementiert hatte, nicht in die Pose eines Avantgardisten von eigenen Gnaden geworfen. Trotz seines phänomenalen Erfolgs gibt es James Blake als Pop-Persona nicht - geschweige denn als Popstar.

Dass er indes keineswegs eine fundamentalistische Feindseligkeit gegen das Popbusiness hegt, zeigt sich etwa bei seiner Mitwirkung an Beyoncés aktuellem Album, "Lemonade". Auch bei Blakes eigenem neuem Album, "The Colour In Anything", indizieren die formalen Determinanten durchaus einen Wunsch nach Zugänglichkeit: Für die Aufnahmen begab sich der 27-jährige Brite nach Kalifornien, wo Weltschmerz unter immerwährendem Sonnenschein auszubrennen pflegt. Als Co-Producer holte er Rick Rubin ins Studio, jenen musikalischen Tausendfüßler, der alles von Hardcore-Hip-Hop über Mainstream-Rock bis zu skelettiertem Legenden-Folk in eine massenkompatible Form zu bügeln imstande ist.

Doch von Gefälligkeit und Konformität vermittelt das Album genau gar nichts. Blake leidet, hadert, fleht, resigniert und erzeugt mit seinem Piano, elektronischen Klanggeneratoren und ganz sporadisch auch Gitarren und Gebläse unterschiedliche Stimmungen und Intensitäten von grabesruhig bis aufgebracht, schüchtern bis feierlich, unentschlossen bis forciert. Die Musik transportiert als gleichermaßen ergänzende wie verstärkende zweite Erzählstimme, worum es hier geht: Das Glück in und das Leiden an der Liebe; die resignative Einsicht in die menschliche Natur mit ihrer Willensschwäche. Und die Welt, die manchmal ein unwirtlicher Ort sein kann.

Der britische Kulturkritiker Mark Fisher nannte James Blake einmal einen "Geist, der sich graduell aus dem digitalen Äther materialisiert". Das hat etwas für sich. Grundsätzlich war die Musik des klassisch ausgebildeten Pianisten seit jeher hochgradig emotional. Auf seinem Debüt schob er aber noch mehrere Schichten elektronischer Verfremdung zwischen sich und den Hörer. Das zweite Album, "Overgrown", präsentierte sich 2013 aufgeräumter und offener und zeigte gleichzeitig, wo Blake prinzipiell zu verorten ist, nämlich beim Soul. "Modern Soul" heißt auch eines der Glanzstücke auf "The Colour In Anything".

Das dritte Album des James Blake nimmt den Faden des Vorgängers auf und verstrickt ihn in eine komplexere Produktion. Blakes oft von Grant und Trauer angestreifte Stimme ist expressiv und auch vielseitig wie noch nie. 76 Minuten Spielzeit gewähren ihr dazu eine ordentliche stilistische Diversität: Einflüsse von R&B und Gospel sind ebenso herauszuhören wie technoider Dancefloor, Funk und Balladenpop. Auf diese Basis setzt Blake eine Unzahl ausgefallener Kunstgriffe in den Arrangements: rhythmisch strukturierte Vokalschleifen, knatternde Percussion, schwebende elektronische Nebelschwaden, die sich urplötzlich ungemütlich verdichten können.

Mit Justin Vernon (Bon Iver) teilt Blake Gesangseinsätze und Autorschaft im beklemmenden "I Need A Forest Fire", während Frank Ocean zum beseelten "Always" einen Stimm- und Kompositionsbetrag leistet. Bei all dem Aufwand dürften aber - als Kontrastprogramm - die beiden reduziertesten Stücke des Albums am Nachdrücklichsten in Erinnerung bleiben: "f.o.r.e.v.e.r" und der fast spirituell anmutende, rein vokale Abschlusssong "Meet You In The Maze". Inseln des Minimalismus in einem maximalistischen Umfeld, wenn man so will.