Früher war die Sache ganz einfach. Wenn ein Song nach AC/DC klang - Bumm-tschak, kreisch! -, dann hatte man es auch mit AC/DC zu tun. Heute im mit 50.000 Besuchern nicht ausverkauften Wiener Ernst-Happel-Stadion hört sich die Band auf der Bühne entlang der gut bekannten Vorgaben bei infernalischer Lautstärke zwar exakt noch wie AC/DC an. Bumm-tschak, kreisch! Dazu Höllentexte über den Teufel, das Ausschweifen in unter Fernfahrern für deftige Fleischgerichte oder für Fleisch bekannten Hütten mit Vorder- und Hinterzimmern oder ganz grundsätzlich ein Leben mit der Höllenglocke als permanent ignoriertem Warnhinweis durch den lieben Onkel Doktor (er soll sich bitte schleichen). Rock’n’Roll!

Keine nassen Fetzen

Das alles ist also auch heute so. Allerdings sieht die Performance jetzt noch etwas standesgemäß würdeloser aus, als man das von AC/DC gewohnt ist, die mit Angus Young als letztem verbliebenen Urmitglied einen Gitarristen vorweisen können, der Konzerte auch mit 61 Jahren in der Schuluniform absolviert. Tatsache: AC/DC existieren seit dem Ausstieg seines Bruders Malcolm aufgrund einer Demenzerkrankung im Jahr 2014 nicht mehr. Ihm folgten Schlagzeuger Phil Rudd (Hausarrest per Gesetz!) und zuletzt mit Brian Johnson wegen drohenden Gehörverlusts auch der Frontmann.

Weil man heute aber noch einmal teuflisch Kohle einfahren kann und es alten Männern bekanntlich nicht so leicht fällt, Macht abzugeben, passiert eines: Ein Ersatzteam namens "AC/DC" begeistert sein Publikum gut zwei Stunden lang mit einem neuen Sänger namens Axl Rose, den die Fans vor nicht allzu langer Zeit mit nassen Fetzen ausgejagt hätten. Hey, rocken heißt Systemerhalt! Und in Zeiten eines weiß Gott durch Todesfälle erodierenden Heeres an Helden der Musik ist das Publikum mittlerweile ja bereit, so einiges zu dulden. Vorarbeit für unsere diesbezüglich gelassenere Einstellung leistete nicht nur die Politik regelmäßig mit dem Austausch ganzer Führungsriegen. Vielleicht kennt man es auch aus dem eigenen Berufsumfeld: Heute hier, morgen fort. Wir alle sind ersetzbar. So will es die Erfahrung, die bei AC/DC nicht leise "Servus", sondern höllisch laut "Hey, hey!" sagt.

Rocken, das System erhalten. Die Niederkunft der Helden erfolgt über einen Meteoriteneinschlag auf der Videowall. Wenn Feuer hochzüngelt und es nach Schwefel riecht, muss nicht zwangsläufig HC Strache erscheinen. Nein, heute werden wir von Axl Rose angeschrien, der überraschenderweise dank einer Schiene am Bein aber nicht mehr durchgehend im Rock-‘n‘-Rollstuhl sitzt, sondern auch gemütlich über die Bühne spaziert, während er - kreiiiiisch! - aus dem Höllenschlund vorbei an den Dritten von Dr. Best Geräusche eines gefolterten Gockelhahnes presst. Los geht es übrigens mit "Rock Or Bust" vom gleichnamigen aktuellen Album, aus dem es mit "Got Some Rock & Roll Thunder" ("Highway To Hell" in Zeitlupe oder so) auch einen zweiten Song setzt. Dazu eine Nummer aus 1990 und eine aus 2008. Der Rest ist Geschichte.

Gummipuppe, überdimensional

Im Rahmen einer weiteren Greatest-Hits-Show mit knochentrockenen Klassikern, die mit "T.N.T" oder "Have A Drink On Me" unterschiedliche Titel tragen, aber gleich klingen, "Hells Bells" samt Höllenglocke und "Whole Lotta Rosie" mit überlebensgroßer Gummipuppe sowie mit "Given The Dog A Bone" dem unzweifelhaft zweifelhaften Höhepunkt eines hardrockenden Rocksexismus wird das Publikum nicht die ganze Nacht, aber doch ein ganzes Set lang geschüttelt. Verrückt, mit "Van Der Struck", ihrer Solidarisierungshymne aus dem Bundespräsidentschaftswahlkampf, stemmen sich AC/DC auch noch gegen einen politischen "Highway To Hell", der uns schon ab Sonntag bevorstehen könnte.

Gegen Ende darf der erstaunlich sportive Angus Young noch das absurdeste Gitarrensolo seit Prince 2014 in der Stadthalle geben, ehe es der Fan nach Kanonenschüssen und einem Feuerwerk bereits weiß: Nicht der Heimweg zur Hölle ist das Problem. Es ist der Weg am nächsten Tag ins Büro. 2016, AC/DC, hallo? Das System erhält sich nicht von allein.

Rockkonzert

AC/DC

Ernst-Happel-Stadion Wien