Mit V wie Flügel und dem Lord als Beschützer: Laura Mvula (30), britische Sängerin und Songwriterin. - © Sony Music
Mit V wie Flügel und dem Lord als Beschützer: Laura Mvula (30), britische Sängerin und Songwriterin. - © Sony Music

Vor gut drei Jahren schickte sich Laura Mvula an, die neue große Stimme im Soulpop-Universum zu werden. Industrieseitig glaubt man ja wieder an den diesbezüglichen Markt, seit Amy Winehouse ihren Siegeszug antrat und zahlreiche Genre-Kolleginnen bald neben ihr in den Charts stehen sollten. Dass die 1986 in Birmingham geborene Sängerin und Songwriterin Mvula bei einer ersten Runde durch mehr oder weniger wichtige Awardshows und Polls zwischen dem "BBC Sound Of . . ."-
Ranking oder dem Mercury Prize schließlich leer ausging, musste sie dabei nicht irritieren. Sie hatte ja ihr Talent - und ein Debütalbum vorzuweisen, das auch ohne Auszeichnung für sich stand.

Auf "Sing To The Moon" wurden Einflüsse aus Soul, Jazz, R&B und vor allem Gospel mit orchestralem Pop kurzgeschlossen. Man hörte Musik, die gefühlig war, aber auf Rührstücke weitgehend verzichtete und mit spirituellem Unterton oder direkt an den Lord gewandt bestärken und kräftigen wollte. Nichts für Zyniker also, die die Qualitäten der mit einem Songwriting-Diplom ausgestatteten ehemaligen Chorleiterin aber auch nicht bestreiten konnten.

Öffentliches Süßholzraspeln

Zuletzt hatte Mvula allerdings nicht nur mit dem systemimmanenten Erfolgsdruck des bekanntlich schwierigen zweiten Albums zu kämpfen. Auch Panikattacken und die Scheidung von ihrem Ehemann dürften es zusätzlich schwer gemacht haben, einmal mehr locker im Fach des Erbauungsliedes zu reüssieren. Stattdessen lag die realbiografische Grundlage für Erlösungssongs vor. Als erste Single des kommende Woche erscheinenden zweiten Streichs "The Dreaming Room" (Sony Music) stellte ja bereits das programmatische "Overcome" (Bewältigen! Überwinden!) die Weichen. Auch wenn sich die vom öffentlichen künstlerischen Süßholzraspeln mit Chic-Mann Nile Rodgers auf Twitter angekündigte Kollaboration mit der erstmaligen Eingemeindung einer ordentlichen Portion Funk ins Werk musikalisch wiederum als falsche Fährte erweist. So angenehm groovelastig, erhebend und tanzbar ist das Album am Ende dann doch nur an eineinhalb weiteren Stellen geraten.

Tatsächlich sind die Inhalte diesmal, wie etwa im gebetsgleich vorgetragenen "Show Me Love", nicht nur wesentlich händeringender, sondern in mehrerer Hinsicht "bewusster" ausgefallen. Ausgehend vom gleichnamigen Gedicht der 2014 verstorbenen US-Schriftstellerin und Bürgerrechtsaktivistin Maya Angelou beschwört Mvula etwa mit dem mitreißenden "Phenomenal Woman" Weiblichkeit und ein kampfbetontes Gefühl von weiblicher Selbstermächtigung. Sie thematisiert zuvor mit "People" erstmals auch ihre Hautfarbe - und bringt im Spannungsfeld all dessen ihre Oma ins Spiel. Diese bekundet da via Telefon, dass sie beim Morgengebet täglich an höchster Stelle ein gutes Wort für ihre Laura einlegen würde. Mein Gott!

Hoffen und Bangen

Ansonsten wird reichlich gelitten auf "The Dreaming Room" - und noch mehr durchgehalten. Berge kommen in den Texten als Hindernis vor, kein Wort dürfte häufiger fallen als Hoffnung. (Aus-)Wege ins gelobte Land werden erforscht und beschritten, es wird Vergebung erbeten und um Gnade ersucht. Gelegentlich darf das auch sanft ins Esoterische kippen: "How glorious, this light in us. We are a wonder!" Musikalisch ist die emotionale Grundverfasstheit zwischen Hoffen und Bangen gut illustriert, wenn bei "People" mit Gastrapper Wretch 32 das dräuende rhythmische Pumpen der Strophe mit einem friedvoll-kontemplativen Refrain aufgelöst wird. Als symphonisches Drama mit Hang zur großen Geste trägt das besagte "Show Me Love" etwas allzu dick auf. Ganz grundsätzlich wiederum erweist sich das Sounddesign als konsequente Fortsetzung des Debüts. Dichte Klangschichten, Vokalharmonien mit kathedralischem Hall und Handclaps deuten auf Kirchgang.

Gleichzeitig mit einem weiteren Schritt auf der Karriereleiter gelingt Laura Mvula letztlich auch der metaphorisch über das Wegfliegen besungene heilende Aufbruch. Wunder, sie trägt ja schon ein V wie Flügel im Namen! Vielleicht hat es aber auch mit den Fürbitten der Oma zu tun.