Nickelsdorf. Nie ist, was man trägt, sprechender als auf einem Festival. Viel ist geschrieben worden über des Hippies zweite gehäkelte Haut, oder dessen Flower-Power-Haarbänder. Aber niemand trägt das Äußere so aussagekräftig wie ein Rocker. Das letzte Hemd, ein offenes Buch: Von Fanzugehörigkeiten, über Lebenseinstellungen wie "Niveau weshalb warum", bis vorhergehende Festivalerfahrungen kann man auf dem T-Shirt alles lesen. Auch wer die letzten vier Tage des Nova Rock im selben Bademantel verbracht hat, macht seinen Standpunkt klar.

Am Sonntag ging das Festival an der Österreichisch-Ungarischen Grenze zu Ende mit einem Line-up, zu dem man sich als nächtlichen Höhepunkt die Red Hot Chili Peppers eingeladen hatte. Wer zu den tapferen Rockern gehört, die es schon um 14 Uhr aus dem Zelt zu James Choice and The Bad Decisions schaffen, der tanzt sich auch zu gefühlvolleren Tönen ("I am a black hole and I am leaking") warm. Die Wiener sind sichtlich froh über ein so frühzeitiges Erscheinen, bedanken sich mehrfach und händigen der vordersten Reihe als Belohnung frisches Fangewand aus.

Auf der größten Bühne geht es am Nachmittag soulig zu. Der in Berlin ansässige Neuseeländer Graham Candy hat, wenn man nicht hinschaut, eine Stimme wie eine alte Gospelsängerin und weiß sie einzusetzen. Nach ihm wechselt Gary Clarke Jr. seine Gitarren, wie niemand am Festival seine Unterhemden. Zeitweise hantiert er mit zwei Instrumenten gleichzeitig, eines davon, eine auf die Bühne geworfene Luftballongitarre. Clarkes Gittarenspiel lässt an Jimi Hendrix denken und schon weht ein Hauch von Woodstock über die Pannonia Fields.

Die Punkrocker von NOFX sind zum Scherzen aufgelegt, als sie launig das Publikum in Rage versetzen. "Ich dachte, das hier wäre Deutschland." "Nein, Mann, jeder weiß, dass das hier Ungarn ist." Die Zuhörer müssen dann wieder zurückgewonnen werden: "Lasst uns Freunde sein." Das sind sie dann auch, und zwar sogar so lange, bis sich der Akkordeon spielende Eric Melvin von der Security von der Bühne eskortieren lassen muss.

Gottverdammter Regenbogen

Als sich ausgerechnet bei den Rappern von K.I.Z, die die Apokalypse mit "Hurra, die Welt geht unter" besingen, ein Regenbogen zwischen die Windräder spannt, können die einen Seitenhieb auf die Headliner nicht lassen. "Andere Bands haben LEDs und Feuerwerk, wir haben einen gottverdammten Regenbogen." Dabei ist die Kulisse, die sie aufgefahren haben, auch nicht gerade zurückhaltend. Vor zerstörter Stadtlandschaft stehen vier überlebensgroße Statuen und zwischendurch aufmarschierende Soldaten schießen Luftschlangen und Papiergeld ins Publikum. Dementsprechend selbstbewusst treten die vier in militärischer Aufmachung auf. "Kniet nieder vor dem größten Hit, den wir je geschrieben haben," heißt es vor "Boom Boom Boom".

Als dann der "Highway to Hell" zwischen den beiden großen Bühnen Feuer zu spucken beginnt, geht es auf allen drei Bühnen zwar nicht frecher, aber härter zur Sache. Wobei die Stimmung beim Death Metal von Beartooth auf der kleinsten Bühne am Überkochen ist. Da stage-diven die Mutigen im Sekundentakt, bevor sie dankbar an der Bühne von der Security herausgefischt werden.

Als dann endlich die Red Hot Chili Peppers an der Reihe sind, werden von den Festivalbesuchern die letzten Reserven aktiviert. Die Herren mögen auch ein bisschen alt und weise geworden sein, denn sie spielen die Sache routiniert und ohne Komplikationen nach Hause. Es zeigt sich, dass die LEDs von K.I.Z nur aus Neid verspottet wurden, denn das Bühnenbild bietet tatsächlich einen bombastischen Anblick.

Alle glücklich machen

Wie Sonnenkönige stehen die vier Bandmitglieder vor kreisrunden Bildschirmen, die strahlenförmig um einen halbrunden Bildschirm in der Mitte angeordnet sind. Ihre Setlist ist eine durchaus ambitionierte Mischung aus alten und gar nicht wenigen ganz aktuellen Liedern. Für das neue Album "The Getaway" rühren sie derzeit heftig die Werbetrommel. Das elfte Werk hat man gemeinsam mit dem Produzenten Danger Mouse, von Gnarls Barkley eingespielt. Gitarrist Josh Klinghoffer hat bereits mit Gnarls Barkley zusammen gearbeitet.

Er bekommt dann noch ein Solo, als er vor der Single "Dark Necessities" thematisch passend "Rain" von den Beatles anspielt. Vor allem die Single kommt beim Publikum gut an, bevor Anthony Kiedis dann wieder traditionell oben ohne alle glücklich macht und mit Klassikern wie "Californication" und "Under The Bridge" das Nova Rock beendet. Festzuhalten bleibt: Eigentlich braucht ein Rocker nicht einmal mehr ein letztes Hemd.