Den Zugabenteil eröffnet Robert Plant mit einem Witz. Der Witz ist allerdings sehr bis verdammt ernst gemeint und geht mit trotzdem ironisch-sarkastischer Note so: "This song is from my new album. Ha!" Die ziemlich bald 68-jährige einstige Bluesrock-Diva und heutige Legende will also auch heute am ausverkauften Open-Air-Areal der Wiener Arena nicht den Mick Jagger geben und mit dem immer gleichen Best-of-Set außer nostalgische Bedürfnisse nur nostalgische Bedürfnisse befriedigen. Spielen wir jetzt, wo die Erwartungshaltung gerade am höchsten ist, anstelle der großen alten Klassiker aus vergangenen Tagen mit Led Zeppelin wie, sagen wir, den "Immigrant Song" oder "Stairway To Heaven", doch besser eine Nummer, die verlässlich kein Mensch kennt!

Mit Kniefällen

Alleine für diese Einstellung möchte man Robert Plant, der alte allfällig dann aber eh noch gegebene Hadern gallig bis augenrollend mit dem Kommentar "Classic Rock!" abmoderieren wird, abbusseln und in die Arme nehmen. Jimmy Page wiederum, sein alter Kollege aus vergangenen Tagen, sieht das radikal anders. Immerhin hätten er selbst und Bassist John Paul Jones kein Problem damit, wieder Reißaus zu nehmen und als Led Zeppelin zur Band mit dem wahrscheinlich höchsten Marktwert wiedervereint noch einmal Kleingeld einzustreifen. Nach einer bisher letzten gemeinsamen Zusammenkunft 2007 in London soll Plant ein kolportiertes Tourangebot über 200 Millionen Euro abgelehnt haben. Er kann es sich leisten und will stattdessen lieber stur bleiben und sein sogenanntes eigenes Ding durchziehen.

Und sein eigenes Ding, man hört es in der Wiener Arena, geht so: Einerseits steht gemeinsam mit den Sensational Space Shifters, seiner fantastischen aktuellen Begleitband, ein Kniefall vor den Größen des Delta Blues auf dem Programm. Hier wird etwa ein im Gegensatz zu seinem Titel von Plant quicklebendig gedeuteter "Fixin’ To Die Blues" (Bukka White!) als beschwingter Staubwüsten-Rockabilly heruntergebretttert, dass es eine Art hat. Andererseits erklärt nicht zuletzt das einst von Willie Dixon geschriebene, 1960 erstmals von Howlin’ Wolf aufgenommene "Spoonful" Plants Selbstverständnis als Eklektiker. Schließlich wird hier der Weg von der gut abgedunkelten grundierenden Plucker-Elektronik zum Bluesrock über einen Ausflug in die afrikanische Folklore mit Juldeh Camara an der Riti, einer einsaitigen afrikanischen Geige, genommen - ehe die Basstöne den direkten Übergang zu "Dazed And Confused" von Led Zeppelin ankündigen und es nicht nur den Silberrücken am Areal endgültig die Freudentränen aus den Augen drückt. An dieser Stelle noch so ein typischer Witz von Robert Plant: Als geborener Brite sei einem das Mississippi-Delta dann halt doch näher als Brüssel!

Mystische Klangnebel

Bei "The Enchanter" steigen synchron zu den krautlastigen Rauchschwaden über dem Publikum die von Plant so geschätzten mystischen Klangnebel auf. Mit der alten Standortbestimmung "Going To California" und dem aktuellen Liebesbekenntnis "Rainbow" wird es zärtlich und innig. Im Gegensatz zu Led Zeppelin, die das Vorurteil, Hysterie sei eine weibliche Eigenschaft, bekanntlich dramatisch als falsch widerlegten, regiert hier ein zurückgenommener Ausdruck anstelle des einstigen "Kreiiiiiiiiisch"-Pegels Plants in seiner Leibrolle als paarungswilliger Gockelhahn. Auch wenn der Mann heute noch manchmal sehr kess das Haar für uns schütteln kann und sich stimmlich auch so in blendender Form befindet.

Ehe das recht gewöhnliche, interessanterweise aber sehr beliebte "Rock and Roll" von 1971 den Abend nach rund 90 konzentrierten Konzertminuten zu Ende bringt, muss aber noch eines passieren - und so viel Nostalgie ist dann bitte schön schon erlaubt: Auf der Liste "100 Dinge, die Sie getan haben müssen, bevor Sie sterben" kann der Punkt "Einmal ,Whole Lotta Love‘ live hören" nun abgehakt werden, sofern er unter den Freudentränen noch lesbar ist. Hier bekam man die Initialzündung des Heavy Rock live doch sehr mitreißend vorexerziert. Hell yeah!

Rockkonzert

Robert Plant

Arena Wien