In Zeiten der Rassentrennung und Gewalt waren es einst Gitarrenakkorde und Songtexte, welche die Menschen in den USA aufrührten. Rock- und Poplieder begleiteten eine Generation junger Erwachsener, die gegen Rassismus, den Krieg in Vietnam und für Menschenrechte protestierten. An diese großen Zeiten der Rockmusik erinnert die Ausstellung "Louder Than Words: Rock, Power and Politics" in der "Rock & Roll Hall of Fame" in Cleveland, Ohio. Zwar erstreckt sich die Ausstellung inhaltsmäßig von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart. Ihr Fokus liegt allerdings auf den 1950er bis 80er Jahren.

Nachdem man mit der Rolltreppe in den fünften Stock des imposanten und pyramidenförmigen Gebäudes gelangt, wird man auch gleich von einem wahren Relikt der Rockmusik begrüßt. Es ist eine E-Gitarre der Marke Fender Stratocaster, welche die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Jimi Hendrix spielte sie auf dem legendären Woodstock-Festival 1969, wo er seine berühmte und zerstörerische Version der US-Hymne "The Star Spangled Banner" präsentierte. Seine Interpretation erschien zu einem Zeitpunkt, als die USA zunehmend im Sumpf des Vietnam-Krieges versanken und sich die amerikanische Gesellschaft tiefgreifend veränderte. Hendrix wurde sowohl kritisiert als auch bejubelt. Viele sahen in seiner Version ein musikalisches Statement gegen den Vietnam-Krieg - andere eine Liebesbekundung des Gitarrenvirtuosen an sein Land. Wie auch immer man dazu stand: Es war ein Moment, in dem Rockmusik und Politik ineinander verschmolzen.

Ein paar Schritte weiter wird man zu den Anfängen des Rock and Roll in den 1950ern zurückgeholt. Rockmusik stand damals für jugendliches Aufbegehren, Leichtigkeit und Fortschritt. Viele Eltern hingegen befürchteten, dass das neue Musikgenre ihre Kinder in die Kriminalität abdriften lassen würde und sexuellen Verlockungen aussetze. Der Erfolg einiger afroamerikanischer Künstler beunruhigte zudem die Rassisten: "Lasst eure Kinder nicht diese Neger-Aufnahmen kaufen und hören!", forderten sie.

Codes für schwarze Zuhörer


In großen Teilen der USA herrschte zu der Zeit noch strikte Rassentrennung. Auch bei Konzerten wurden weiße und schwarze Besucher oft voneinander abgegrenzt. Afroamerikanische Künstler bedienten sich in ihren Songtexten deshalb doppeldeutiger Begriffe: Für das weiße Publikum waren die Texte von "negativen Assoziationen befreit" - die schwarze Gesellschaft wusste allerdings genau, was damit gemeint war. So war Chuck Berrys "Brown-Eyed Handsome Man" eine Anspielung auf einen "Brown-Skinned Handsome Man". Der "little country boy" in seinem Megahit "Johnny B. Goode" war ein Code für einen "little coloured boy".

Lieder wie "We Shall Overcome" wurden zu Hymnen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Mitte der 60er fielen die Barrieren, die das schwarze und weiße Konzertpublikum voneinander trennten. Auch Frauen forderten ihre Rechte ein - mit der Einführung der Anti-Baby-Pille wurden sie in ihrer sexuellen Freiheit massiv gestärkt.

Neben Erfolgen hatten die Bürgerrechtsbewegungen in den 60er Jahren aber auch mit Rückschlägen zu kämpfen: Mit John F. Kennedy, Martin Luther King und Robert Kennedy fielen gleich drei der bedeutendsten Bürgerrechtsikonen Attentaten zum Opfer. Nachdem King am 4. April 1968 ermordet wurde, kam es im ganzen Land zu gewalttätigen, großflächigen Rassenunruhen. Viele Städte in den USA brannten. Boston, wo der afroamerikanische Künstler James Brown einen Tag nach dem Attentat im "Boston Garden" auftrat, gehörte nicht dazu. Fast wäre das Konzert abgesagt worden - letzten Endes fand es aber doch statt und wurde im lokalen Fernsehen übertragen. Die kraftvolle Show samt Aufrufen, friedlich zu bleiben, zeigte Wirkung: Boston wurde von größeren Unruhen verschont, Brown kurz danach ins Weiße Haus eingeladen.

Bob Dylans Notizen


Ausschnitte des Brown-Konzerts kann man neben anderen Filmen und Musikvideos auf interaktiven Bildschirmen anschauen. Auf Jukeboxen lassen sich die wichtigsten politischen Lieder der letzten Jahrzehnte abspielen - von Creedence Clearwater Revivals "Fortunate Son" über Green Days "21 Guns". Exponate wie der handgeschriebene Original-Songtext von Bob Dylans "The Times They Are A Changin‘" oder Elvis Presleys Armeemantel lockern die Ausstellung zusätzlich auf.

Große Tafeln erinnern an die in der jeweiligen Zeit amtierenden US-Präsidenten und die innen- und außenpolitische Lage. Auch über die musikalischen Vorlieben so mancher Präsidenten wird informiert: So erfährt man etwa, dass der irische Balladen und Broadway-Stücke liebende John F. Kennedy Frank Sinatras "High Hopes" als seinen Wahlkampagnensong wählte.

Ohio als klingendes Symbol


Einen bedeutenden Teil der Ausstellung nehmen die Proteste gegen den Krieg in Vietnam und Kambodscha ein, in dem knapp 60.000 US-Amerikaner starben. Nicht nur kriegskritische Lieder wie John Lennons "Give Peace a Chance" werden erwähnt, sondern auch der promilitärische Song und Chartstürmer "The Ballad of the Green Berets" von Barry Sadler. Zu einer innenpolitischen Eskalation führte die US-Invasion in Kambodscha, die US-Präsident Richard Nixon am 30. April 1970 verkündete. Landesweite Proteste folgten. Bei Demonstrationen an der Kent State University in Ohio wurden durch öffentliche Sicherheitskräfte vier Menschen erschossen und neun verletzt.