Bevor es losgeht, wird die große Halle der Wiener Arena noch mit einer Überdosis Trockeneisnebel ausgeräuchert. Hallo! Es soll hier auch darum gehen, in einem Orgien-Mysterien-Setting einer Installation beizuwohnen, die man sich filmisch so vorstellt, als würde ein Toter irgendwo im Zwischenreich ankommen und dort am River Styx oder unten beim alten Zerberus gleich noch jemanden erheblich anbetteln müssen, um nicht für immerdar im Purgatorium Höllenqualen zu erleiden.

Langsam erkennt man inmitten der Nebelschwaden schließlich den Umriss einer Mönchsrobe, aus der sich eine donnernde und gurgelnde Erdbebenstimme dazu anschickt, die Hallendecke zum Zittern zu bringen. Es wird eine Art gregorianischer Choral mit ungarischem Akzent als vokale Soloperformance gefühlte fünf Oktaven unter Meeresniveau live in Zeitlupe gegeben und assoziativ im Bereich der Black Lodge von David Lynch, der Zeremonie kurz vor dem Gruppensex in "Eyes Wide Shut" und gerne auch etwas Philip Glass in seiner Koyaanisqatsi-Phase verortet. Im glühenden Endzeitrot der letzten Tage samt einer nun zunehmend an die Autobahnabfahrt Regau erinnernden Nebelwand wird uns der Todesmönch mit seinen ausgebreiteten Armen zu alledem noch gestisch etwas vermitteln wollen. Vermutlich soll man zu ihm auf die andere Seite des Styx kommen, wo außer Verheißungen nur Verheißungen auf uns warten.

Bohrung in der Turbine

Nach knapp zehn Minuten stoßen dann Sunn O))) als vierköpfige Live-Band um das Kernduo aus Stephen O’Malley und Greg Anderson zu ihrem Vokalakrobaten Attila Csihar auf die Bühne, um einen ersten tiefergestimmten Gitarrenakkord auf uns zuzulassen, dem für ungefähr zehn weitere Minuten exakt kein zweiter folgen wird.

Man könnte auf die Idee kommen, diese konzeptionell aufgeladene, maximal minimalistische, dabei aber monumental-monolithisch einwirkende Kunst als stoisch zu bezeichnen. Jedenfalls klingt sie so, als würde jemand die über Jahrzehnte erfolgende Mikromillimeterverschiebung eines 1925 im Atlantik gesunkenen Öltankers auf dem Meeresboden oder das Öffnen und Schließen des Höllenschlunds vertonen.

Selbstverständlich geht das bei immenser Lautstärke über die mit Verstärkertürmen vollgepflasterte Bühne. Unter Verzicht auf Sinnlosigkeiten wie, sagen wir, Melodien oder rhythmische Strukturen, wie sie ein Schlagzeug vorgeben könnte, fühlt man sich an das Innere einer Airbus-A380-Turbine erinnert, in der gerade eine Probebohrung für die U5 simuliert wird. Man kommt dieser vor allem live auf die Extremerfahrung gepolten Musik übrigens auch mit Gehörschutz nicht aus, weil sie in Form einer gigantischen Schallwelle über die Dauer von zwei vollen Stunden hinweg wahlweise gegen die Beine drückt, den Bauch massiert oder uns die Frisur aufstellt. Und obwohl sich das aktuelle Album "Kannon" auf eine buddhistische Gottheit des Mitgefühls bezieht, ist diesbezüglich definitiv kein Erbarmen zu erwarten.

Gegen Ende bläst eine Posaune zum letzten Gericht. Der Erdbebensänger stirbt dazu im Spiegelkostüm mindestens ein paar tausend Tode. Ganz zum Schluss beim Entgegennehmen der Publikumsgunst hat man die Band dann aber eh lachen gesehen. Kunst als Druckventil. Dampfablassen hat noch keinem geschadet.