Spielten ein Album auf Prä-Rock-Basis ein: Hamilton Leithauser (rechts) und Rostam Batmanglij. - © Josh Goleman
Spielten ein Album auf Prä-Rock-Basis ein: Hamilton Leithauser (rechts) und Rostam Batmanglij. - © Josh Goleman

Der Anfang verführt zum Schwärmen: "A 1000 Times" steigert sich nach lässigem Einstieg zu einer Powerballade, die mit einem atemberaubenden Wechselspiel von Intensitäten Spannung generiert. Wechselspiel von Intensitäten, das ist überhaupt das Wesensmerkmal der LP "I Had A Dream That You Were Mine", die Ex-Walkmen-Sänger Hamilton Leithauser und Ex-Vampire-Weekend-Multiinstrumentalist Rostam Batmanglij als Hamilton Leithauser + Rostam dieser Tage unter die Leute bringen.

Vor allem Leithausers Part scheint geprägt von heftigen emotionalen Schwankungen, als wolle er den Hörer darauf trainieren, gemütlichen Stimmungen zu misstrauen: Geschmeidigen Singsang mit viel Schubidu-Begleitung konterkariert er mit alarmiertem Aufjaulen, räudigem Hintergrund-Schreien oder einer insistenten, manchmal zum Chor vervielfachten Kopfstimme.

Brüche & Schlaglöcher

Batmanglijs Produktion gießt diese Gefühlsum- und -überschläge in zum Bersten angeräumte Arrangements mit rhythmischen Schlaglöchern, Tempowechseln und Brüchen. Solchermaßen forciert das Album in einer zugespitzten Variante die Musiksprache, die Leithauser in Stücken wie "I Retired" - das nicht zufällig von Batmanglij co-komponiert und produziert worden war - bereits auf seinem Solodebüt "Black Hours" (2014) zu transportieren versucht hat.

"Der Fokus liegt im Wesentlichen bei Musik, die es vor der Rock-Ära gab", erklärt der sympathische New Yorker Sänger im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" . "Doo-Wop-Musik, früher Country, eine gewisse Folk-Sensibilität. Blues nur insofern, als aller Rock n‘ Roll darauf basiert. Definitiv war aber Soul hier eine wichtige Inspiration."



Die waghalsigen Wendemanöver innerhalb der Songs hätten sich, so Leithauser, dem Autoren-Duo gewissermaßen aufgedrängt: "Alles, was wir klassisch zu strukturieren versucht haben, hat nicht wirklich gut funktioniert. Also ließen wir die Songs dorthin gehen, wo sie hin wollten. Wir haben ihnen keine Grenzen auferlegt. Sie mussten nicht klingen wie irgendetwas und wurden nicht einmal von Überlegungen beeinträchtigt, wie sie dann live gespielt werden sollten. Das ist uns erst jetzt aufgefallen, wo wir sie doch live zu spielen beschlossen und bemerkt haben, dass wir keinen blassen Schimmer haben, wie wir das angehen sollten. Das wird eine echte Herausforderung werden."

Zu einem nicht unwesentlichen Teil erklärt sich die Unbändigkeit des Albums auch antagonistisch aus den Limitationen heraus, denen Leithausers Arbeit mit den Walkmen unterworfen war. "Man merkt der Musik an, dass sie nicht durch dieses ganze System muss: Es muss nicht von fünf Leuten gespielt werden. Es muss kein festivaltauglicher Rock-‘n‘-Roll -Song sein. Es ist keine Notwendigkeit, einen bestimmten Stil zu verfolgen. Bei den Walkmen weißt du, wo die Stärken und Schwächen der Akteure liegen, und entwickelst eine gewisse Vor-Einschätzung, was funktionieren wird und was nicht. Wenn du das nicht hast, kann es auf der einen Seite etwas einschüchternd, auf der anderen Seite aber auch sehr befreiend sein."

Spiritualität

Bei den Walkmen ist, so Leithauser, die Tür noch nicht zu. "Wir sind nach wie vor sehr gute Freunde", versichert er. Tatsächlich kooperiert er mit Paul Maroon, dem exzellenten Gitarristen, weiterhin regelmäßig. Schon für "Black Hours" leistete Maroon wesentliche kompositorische und instrumentale Beiträge. Vergangenes Jahr haben Leithauser und er eine Platte herausgebracht, die "Dear God" heißt, nur über Leithausers Website als Vinyl zu beziehen ist und musikalisch das genaue Gegenteil von "I Had A Dream That You Were Mine" ist: aufgeräumt, reduziert, ruhig.

Eher finden sich inhaltliche Berührungspunkte. Denn die etwas überraschende Neigung zu Spiritualität, die "Dear God" ja schon indiziert, findet sich auch in der Kooperation mit Batmanglij in Stücken wie "Peaceful Morning". Ansonsten scheint der melancholische Rückblick auf bessere Zeiten das beherrschende Thema gewesen zu sein.

Leithauser stimmt vorsichtig zu: "Ich schätze einmal, da ist so ein wehmütiges nostalgisches Gefühl in den Texten. Nicht notwendigerweise traurig, aber um einen Charakter zentriert, der seine Höhen und Tiefen hatte."