Schwarzes (Selbst-)Bewusstsein als künstlerisches Statement: US-Songwriterin Solange. - © Sony Music
Schwarzes (Selbst-)Bewusstsein als künstlerisches Statement: US-Songwriterin Solange. - © Sony Music

Teilen des Publikums als wütende Frau bekannt wurde Solange Knowles, als das Celebrity-Portal tmz.com im Mai 2014 Bilder einer Überwachungskamera publizierte, auf der man sie bei einer - aus unbekannten Gründen getätigten und entsprechend spekulativ diskutierten - Attacke auf Jay Z, den Ehemann ihrer um fünf Jahre älteren Superstar-Schwester Beyoncé, beobachten konnte. Mit dem musikalischen Werk der unter ihrem Alias Solange veröffentlichenden Songwriterin und Sängerin Vertraute wiederum erinnern sich an die Erhebung "Fuck The Industry" von 2010, mit der die heute 30-Jährige gegen die Zwänge des Musikbusiness ansang, um mit geballter Faust auch eines festzuhalten: "Everything I’m not / makes me everything I am" - wobei man ihr ein uneingeschränkt zustimmendes "Word!" zurufen mochte.

Selbstermächtigung


Dass dieser Tage mit "A Seat At The Table", dem dritten Album in der Diskografie Solanges, ein zentrales Statement im Umfeld der "Black Lives Matter"-Bewegung und ein Schlüsselwerk des aktuellen schwarzen Amerikas unabhängig und digital first über das eigene Label Saint Records erschienen ist und der Marktmajor Columbia/Sony Music im Zuge des physischen Releases ab Mitte November lediglich für den Vertrieb benötigt wird, ist so gesehen kein großes Wunder. Allerdings war es bis hierher nicht der einfachste Weg. Nach Auftritten an der Seite Beyoncés mit Destiny’s Child sollte das mit 16 Jahren ganz im Sinne klassischer US-Starlett-Biografien zwischen R&B und Pop für die Charts gehaltene Debüt "Solo Star" (2003) noch kaum selbstbestimmt ausfallen.

Ihre frühe Eheschließung und Mutterschaft ab dem Jahr darauf verhinderten ein weiteres Feilen an der Karriere als Solo-Act, wobei Solange als Songwriterin für die Branche im Hintergrund aktiv blieb. Nach der baldigen Scheidung, dem 2008 stärker vom Motown-Sound inspirierten zweiten Streich "Sol-Angel And The Headly St. Dreams" sowie der elektronisch auf die 80er Jahre verweisenden EP "True" (2012) wiederum erschwerten Panikattacken den Arbeitsprozess. Das hört man den Ergebnissen nun aber nicht an. Achtung, Prognose: Mit "A Seat At The Table" wird Solange nicht nur dem Schatten ihrer Schwester entkommen, sie wird in den Bestenlisten im Dezember auch noch vor deren Diesjahresveröffentlichung "Lemonade" landen.

Als Album zur Zeit verhandeln die inklusive zahlreicher Interludes 21 neuen Stücke Aspekte von "Blackness" auch in sämtlichen Stimmungslagen: Während Schlüsselsongs wie "F.U.B.U." ("For us by us!") als Beschwörung, Ansage und Akt der Selbstermächtigung kämpferisch daherkommen ("I hope my son will bang this song so loud / That he almost makes his walls fall down / Cause his momma wants to make him proud / Oh, to be us"), führen historische Vermessungen bis hin zur Sklaverei und aktuelle Fälle von (Polizei-)Gewalt auch zu Erschöpfung und Ratlosigkeit: "I’m weary of the ways of the world", seufzt Solange gleich im zweiten Song des Albums, um bei "Cranes In The Sky" unbefriedigende Möglichkeiten der innerseelischen Problemlösung zu skizzieren: "I tried to drink it away . . ."