Im Gegensatz zum Ausgezeichneten selbst reagierte der große kanadische Liedermacher und Poet Leonard Cohen prompt auf den Literaturnobelpreis für seinen Kollegen Bob Dylan. Dieser sei ungefähr so, also würde man dem Mount Everest eine Medaille dafür umhängen, der höchste Berg zu sein. An diesem Moment von Cohens Albumpräsentation in Los Angeles stellte sich unter den Getreuen Erleichterung ein. Der Meister dürfte seinen Humor doch nicht verloren haben! Und, noch wichtiger, er entschuldigte seine zuletzt gegenüber dem "New Yorker" getätigte Äußerung, bereit zum Sterben zu sein, mit einem gewissen Hang zur Übertreibung.

Einmal mehr bewegt Leonard Cohen mit seinen mit Weinkellerbariton vorgetragenen Liedern. - © Sony
Einmal mehr bewegt Leonard Cohen mit seinen mit Weinkellerbariton vorgetragenen Liedern. - © Sony

Dabei beschwor der heute 82-Jährige bereits mit der gleichnamigen Auftaktsingle seines nun erscheinenden 14. Albums "You Want It Darker" (Columbia/Sony Music) bei Querbezügen zur Tora genau dieses Gefühl der manifesten Endlichkeit: "Hineni! Hineni! I’m ready, my lord." Begleitet vom Chor jener Synagoge in Quebec, in der Cohen als 13-Jähriger seine Bar-Mizwa feierte, wurde hier tatsächlich das Licht abgedreht: "A million candles burning / For the love that never came / You want it darker / We kill the flame."

Humorig todernst

Der leitmotivisch auch als Ansporn zur Kompensation mit Sex, Liebe und Rotwein gebrauchte Tod ist bei Leonard Cohen nun zwar auch schon beinahe so alt, wie es der Songwriter selbst im Herzen bereits am Beginn seiner Karriere in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre war. So humorig Cohen die Endlichkeit aber auch im Alter von 53 Jahren 1988 im "Tower Of Song" noch vermaß ("Well, my friends are gone and my hair is grey. I ache in the places where I used to play..."), so buchstäblich todernst ging es im Spätwerk mit den Alben "Old Ideas" (2012) und "Popular Problems" (2014) zu. Dabei wurde berührend die Unversehrtheit von Körper und Geist ersehnt, bereits aber auch das immerwährende Dunkel erkannt: "I got no future. I know my days are few. I know the present’s not that pleasant. Just a lot of things to do."

Cohen, der 1994 vor seinen Depressionen in ein buddhistisches Kloster geflohen war und Jahre später bemerken musste, dass seine Managerin das angehäufte Millionenvermögen veruntreut hatte, war nach den stilistisch stark unterschiedlichen Comeback- und Selbstfindungsalben "Ten New Songs" von 2001 und "Dear Heather" von 2004 hier hörbar ganz bei sich angekommen. Und er zeigte sich ausgerechnet im Zuge dieser kompromisslosen Beschäftigung mit der eigenen Sterblichkeit von einem Großteil jener Verzweiflung befreit, die seine Karriere über Jahrzehnte hinweg mitbestimmte. Wer den Mann im Rahmen wiederholter Konzertreisen zwischen 2008 und 2013 live sehen durfte, bekam nicht nur für sich fantastische Marathonauftritte mit Songs aus sämtlichen Schaffensphasen geboten. Er bekam vor allem auch die Kunst der absoluten Menschlichkeit vorexerziert, die sich nach der Krise und ihrer Überwindung in einem Bekenntnis zum Leben entlud. Das war nichts weniger als überwältigend.

Mit den acht neuen Songs (und einer Reprise) von "You Want It Darker" knüpft Cohen nun nahtlos an die Vorgängerwerke an. Neu mögen die sakralen Töne des erwähnten Shaar Hashomayim Synagogue Choir sein oder das Genre der nostalgischen Vintage-Ballade, das heute mit heulender Pedal-Steel-Gitarre oder im Dreivierteltakt Richtung Sperrstunde deutet. Dazu kommt neben kammermusikalischem Zierrat, etwas (Klezmer-)Folklore, Orgelgrundierung, soulig bis gospelig angehauchten Background-Vocals und einer Prise Elektronik bei "Traveling Light" als Erinnerung an Cohens Zeit auf der griechischen Insel Hydra eine Bouzouki.

Herzensbrecher i. R.

Anfänglich produziert von Patrick Leonard, der im Zuge der Aufnahmen aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, sowie im Anschluss von Cohens Sohn Adam - beide treten neben Kreativpartnerin Sharon Robinson auch als Songwriter in Erscheinung -, hat sich der Meister selbst vor allem auf die Texte konzentriert. Musikalisch stammen nur drei Songs aus seiner Feder, wobei das folkloristisch pumpende "Steer Your Way" zu den großen Kleinoden des Albums gehört. Als weiteren stillen Höhepunkt hat man das nachdrücklich dunkle, stoische und in seinem Minimalismus extrem wirkungsmächtige "It Seemed The Better Way" gehört, mit dem sich Cohen ernüchtert gibt.

Mit "On The Level" wird es kurz schelmisch: "I was fighting with temptation. But I didn’t want to win" - Leonard Cohen, der alte Schwerenöter, paraphrasiert Oscar Wilde ("Ich kann allem widerstehen - außer der Versuchung")! Er liefert mit "Leaving The Table" allerdings auch ein Gegenstück ab, in dem er den Herzensbrecher von einst in den Ruhestand schickt: "The wretched beast is tame. I don’t need a lover. So blow out the flame."

Zum letzten Mal geht das Licht aus. Ein Streichquartett macht uns weinen. Der große Leonard Cohen aber sinniert mit seinem Weinkellerbariton über eine komplizierte Beziehung und verabschiedet sich mit heiter-fatalistischer Note: "It’s over now, the water and the wine. We were broken then, but now we’re borderline."