Atonale Soundvirtuosen: Bill Nace und Kim Gordon alias Body/Head. - © Annabel Mehran & Andrew Kesin
Atonale Soundvirtuosen: Bill Nace und Kim Gordon alias Body/Head. - © Annabel Mehran & Andrew Kesin

Das Ende von Sonic Youth war eine veritable Tragödie, weil diese Gruppe nicht nur eine der ganz großen, sondern vielleicht sogar die größte aller Gitarrenrockbands der Gegenwart war. Zu Beginn der 1980er Jahre gegründet, fusionierten Sonic Youth experimentelle Sounds und avantgardistische Herangehensweisen mit einer zunehmend radiokompatiblen Indie-Rock-Ausrichtung, die aber nie ins Kommerzielle kippte, obgleich sie während der 1990er Jahre auf einem Major Label beheimatet waren.

Wie es dem non-konformen Eigensinn der Band entsprach, veröffentlichte sie neben den regulären Alben noch starke Platten, in denen sie etwa mit Musikern aus dem Avant-Jazz oder der Modernen Klassik unerschlossene Territorien jenseits der Rockmusik ausleuchtete, was sowohl ihre Glaubhaftigkeit als genuine Experimentalmusiker unterstrich, als auch den für ihr allgemeines Rockpublikum gedachten Songs sehr gut tat, denn diese bewahrten sich stets ein Moment des Widerständigen.

Ehezwist Gordon/Moore

Von den 15 Studioalben, die zwischen 1983 und 2009 erschienen sind, war vielleicht nur eines nicht exzellent, nämlich "Washing Machine" von 1995. Bemerkenswert in mancher Hinsicht war vor allem auch das letzte der fast drei Jahrzehnte währenden Karriere, in dem das Quartett, zumal nach der Inklusion von Jim O’Rourke, beginnend mit "Murray Street" (2002) noch vier Alben von berauschend schöner Gitarrenmusik herausbrachte, die bleiben werden, so lange noch jemand Musik hört.

Der Grund, warum dieser wundersame Quell an Alben dann versiegte, darf als bekannt vorausgesetzt werden: da Sänger Thurston Moore seine Frau Kim Gordon wegen einer erheblich jüngeren Frau verließ, zerbrach nicht nur die Ehe, sondern ebenso die Band.

Gordon hat dieses letztes Jahr in ihren vielbeachteten, angesichts der Art der öffentlichen Abrechnung mit ihrem Ex-Mann aber auch stark kritisierten Memoiren "Girl In A Band" aufgearbeitet. Der Zerfall der Gruppe jedenfalls resultierte in einer ganzen Reihe von Soloprojekten, wobei die Platten von Moore, Lee Ranaldo und Kim Gordon auf faszinierende Weise zeigten, aus welch durchaus diversen Elementen sich der vielschichtige Sound von Sonic Youth zusammensetzte, wenngleich dabei offenkundig wurde, dass ein künstlerisches Ganzes eben stets mehr ist als die Summe der einzelnen Teile.

Gordon selbst hatte sich 2011 mit einem erheblich jüngeren Experimental-Gitarristen namens Bill Nace zusammengetan, um dann 2013 als Body/Head ein fulminantes Album mit dem anspielungsreichen Titel "Coming Apart" einzuspielen, auf dem über eine Stunde lang nur Gitarrenlärm, Feedbacks und ihr kathartischer Gesang zu hören war. Mit bestechender Konsequenz demonstrierte sie so, wie stark sich der widerständige Aspekt des Sounds von Sonic Youth ihrem Einfluss verdankte.

Atemberaubend auf "Coming Apart" sind insbesondere die Dekonstruktionen des Traditionals "Black Is The Colour (Of My True Love’s Hair)" sowie des Nina-Simone-Songs "Ain’t Got No, I Got Life", die zu kreischendem Noise zerlegt werden, über den die Sängerin beschwörend langsam die Textzeilen der Songs murmelt.

Repetitive Strukturen

Mit den nachfolgenden Live-Dates legte das Duo grandiose Auftritte hin, in denen seine nach allen Seiten hin offenen Kompositionen auf stets neue Weise durchschritten wurden. Wie nahe liegt, ist es gerade die Freiheit, das nicht fixierte Material auf improvisierte Weise zu erproben, die ein Live-Konzert zum geeigneten Ort für diese Form von Musik macht.

Insofern ist es auch nur konsequent, dies nun mit dem neuen Live-Album "No Waves" - einem offenkundigen Verweis auf die musikalischen Wurzeln in der New Yorker No-Wave-Bewegung der 1980er Jahre - vorzuführen.

Dissonanzen, atonale Sounds, repetitive Strukturen, Textur über Melodie bestimmen auch hier die Musik von Body/Head. Bedauerlich ist nur die Kürze der Platte: Sie dauert gerade 40 Minuten und enthält vier Stücke, von denen zwei vom Debütalbum stammen. Doch diese nicht einmal Dreiviertelstunde hat es in sich. Mehr göttlicher Lärm war selten; man sollte sich darin verlieren.