Zusammenspiel zwischen Endris Hassen von Fendika und Katherina Bornefeld von The Ex. - © J. Kerviel
Zusammenspiel zwischen Endris Hassen von Fendika und Katherina Bornefeld von The Ex. - © J. Kerviel

Wels. Für Freunde der ungewöhnlichen Musik ist das zweite Novemberwochenende in Wels in etwa gleichbedeutend mit Geburtstag, Ostern und Weihnachten zugleich. Denn seit drei Jahrzehnten findet dort im Alten Schlachthof das Festival "music unlimited" statt, das sich über die Jahre hinweg zu einem der weltweit spannendsten Festivals für improvisierte und komponierte Musik gemausert hat.

Fotostrecke 13 Bilder


Die Jubiläumsausgabe bot ein breit gefächertes Programm, musikalische Gegensätze durchzogen die drei Abende, sie reichten etwa von den komplexen Geräuschen des Trios Barcelona Series über die eruptiven Klänge des japanischen E-Gitarristen Otomo Yoshihide bis hin zu den feinen Arrangements des Quartetts von Ingrid Laubrocks Anti-House und den Lärmkaskaden der Jooklo Moe Rasmusen Band. Auf der großen Klaviatur der Improvisation spielten wiederum am letzten Abend des Festivals der Saxofonist Peter Brötzmann, Pionier des europäischen Free Jazz, und Heather Leigh an der Pedal-Steel-Gitarre: Sie putzten mit ihrem intensiven Zusammenspiel die Gehörgänge der mehr als 400 Besucher durch.


Einen Schwerpunkt setzte die Jubiläumsausgabe der musikalischen Vielfalt Äthiopiens. So gab Zerfu Demissie mit seiner Begena in einem leider nur sehr kurzen Auftritt Einblick in die meditative Musik dieser 10-saitigen Harfe mit den tiefen Tönen. Es folgte die Combo Fendika, die in der Tradition der Barden Themen wie Sex, Politik und Alkohol musikalisch verarbeiten. In einer tänzerisch wie gesanglich energiegeladenen Darbietung holten sie, zum Teil begleitet von der niederländischen Band The Ex samt Saxofonist Ken Vandermark, ein bisschen Nachtclubatmosphäre von Addis Abeba nach Wels.

Energievoll auch der Auftritt des Nu Ensembles, angeführt vom Saxofonisten Mats Gustafsson, der seiner 12köpfige Großformation mittels grafischer Notation seiner Komposition zu Frank Zappas Werken den Rahmen vorgab und es laufen ließ - für Solo- und Gruppenimprovisation. Hin und wieder griff er selbst zum Instrument. Intensiv auch der Kunstgesang von Sängerin Mariam Wallentin, mit einer Mischung an Aggressivität, Einfühlsamkeit, Humor und Verzweiflung.

Mit den schönen Kompositionen, dem humorvollen Auftritt und dem manchmal sympathisch unsicherem Spiel des Amsterdam String Trio war ferner gar ein Gast der ersten Stunde mit dabei. Aber Nostalgie kam keine auf. Vielmehr stand während des gesamten Festivals der Blick nach vorne im Vordergrund, neue Stücke, neue Formationen und neue Spielweisen im Zentrum.

Dabei wurde das Festival, organisiert vom Welser Kulturverein waschaecht, einmal mehr seinem Anspruch gerecht, die aktuellen Entwicklungen der zeitgenössischen modernen Musik abzubilden, die – wenig überraschend –ohne Live-Elektronik offenbar nicht mehr auskommen mag. Zwar ist auch sie nicht mehr neu, aber es kommt eben auch darauf an, wie sie genutzt wird.

Hierbei kam es am Samstag Abend gleich zu zwei tonangebenden Aufführungen auf diesem Gebiet: So verarbeitete Bob Ostertag in seiner Live-Produktion das Schlagwerk von Gerry Hemingway und die Violine von Jon Rose. Letzterer kostete außerdem die volle klangliche Bandbreite seines Instruments aus, als seine durch den Raum geschwungene Violine in einer Feedbackorgie mit der Monitorbox gipfelte und man als logische Konsequenz dieses ekstatischen Moments letztlich erwartete, dass er seine Geige noch zertrümmern werde.

Zu Bruch gehende Instrumente konnte man allerdings erst beim darauffolgenden Trio erleben, als der Multimediakünstler Lasse Marhaug Schallplatten zerbrach, nachdem er sie zuvor ausgiebig mit einem Milchschäumer malträtiert hatte– zwecks Klangerzeugung, versteht sich. Hinzu kam die gelegentliche Hochfrequenzfolter von C. Spencer Yeh, sofern dieser nicht gerade die auf seiner Violine mit zwei Bögen oder mittels seiner Stimme erzeugten und bearbeiteten Geräusche in den Saal schoss. Die südkoreanische Cellistin Okkyung Lee lieferte dazu wiederum eindringlichen Noise samt Drones.

Insgesamt verlangte das Festival mit seinem dichten Programm und seinem ebenso dicht bestuhlten Saal vom Besucher eines an Durchhaltevermögen ab – Ende der letzten Vorstellungen an zwei Tagen: ca. 2.30 frühmorgens. Daneben gab es an zwei Nachmittagen bereits an anderen Spielstätten in Wels Konzerte. Qualität und Quantität waren an den drei Konzerttagen jedoch kein Widerspruch, und die Tatsache, dass der Alte Schlachthof an allen drei Tagen ausverkauft war, ist neben dem gelungenen Festivals wohl das zweite schöne Geschenk zum Jubiläum.