Wenn man bei einem Konzert der Red Hot Chili Peppers vor der Bühne deren Bassisten Michael Balzary alias Flea gegenübersteht und dieser beim sich Bewegen Schweißperlen verspritzt, während er bei der Bearbeitung seines Dienstgeräts manischen Blicks kopfnickt und sichtbar Spaß an der Freude hat, kommt eines sicher nicht auf: die Vermutung, dass der Mann je auf eine Bühne gehen könnte, um dort eine ruhige Kugel zu schieben oder sich der Routine zu widmen.

Der heute 54-Jährige mag aufgrund der Karriere und des Lebens zwar exakt keinen Tag jünger aussehen, als er ist, er muss im pfauenfarbigen Lumpenoutfit aber nicht erst - wie zu Beginn des Zugabenblocks - im Handstand über die Bühne spazieren, damit wir ihm seine Begeisterung und Eignung für den Job auch heute noch glauben.

Keine Jukebox

Zum Stichwort Routine ist darüber hinaus zu sagen, dass seine Band am Montag in der ausverkauften Wiener Stadthalle mit einem Jam beginnt, um im Rahmen einer von täglich wechselnden Setlists geprägten Tour kein klassisches Best-of-Konzert folgen zu lassen: Nicht dass man am Ende nicht eine hübsch abgebremste Version von "Californication", ein polterndes "By The Way" oder das auf der aktuellen Konzertreise dann doch meistens unverzichtbare "Give It Away" gehört hätte.

Im Gegensatz zur Unmöglichkeit, Konzerte von den Rolling Stones, U2 oder Depeche Mode ohne "(I Can’t Get No) Satisfaction", "Where The Streets Have No Name" oder "Personal Jesus" zu erleben, heißt es bei den Red Hot Chili Peppers allerdings auch in Wien: "Under The Bridge" - warum? "Aeroplane" - wieso? "Scar Tissue" - wir könnten. Aber wir müssen nicht! "Otherside" - Oida, sind wir eine gottverdammte Jukebox??

Auf Kosten einer Halle, die mit FM4- und Ö3-Hörern gleichermaßen gefüllt ist, bei entsprechender Publikumsbedienung also problemlos durch die Decke gehen sollte, gibt es mit "Blood Sugar Sex Magik" lieber einen Klassiker neben den Klassikern und mit etwa "I Could Have Lied" vom selben Album aus 1991 auch Songs, die man live seltener hört - so die Red Hot Chili Peppers nicht gerade ohnehin aus dem Spätwerk schöpfen. Mit "The Getaway" hat man immerhin auch ein aktuelles Album dabei, an dem zwei Dinge bemerkenswert sind.

Erstmals nach 25 Jahren hat die Band dafür nicht mit ihrem Haus- und Hofproduzenten Rick Rubin, sondern mit Brian Burton alias Danger Mouse zusammengearbeitet. Dessen Stempel mag den Red Hot Chili Peppers nicht so eindeutig aufgedrückt worden sein wie Michael Kiwanukas gleichfalls heuer erschienenem Meisterwerk "Love & Hate". Stimmungsmäßig irgendwo im Bereich zwischen Schussduell, Tumbleweed und kreisenden Aasgeiern samt Glockengeläut bei "Dreams Of A Samurai" hört man gegen Ende des Wien-Auftritts dann aber doch noch das Ennio-Morricone-Pathos, mit dem der Mann so gerne spielt - während "Go Robot" auf Wave-lastige Disco-Formalismen setzt und Sänger Anthony Kiedis beim auch live sehr überzeugenden "Dark Necessities" dunkle Fragen aufwirft, von denen man immer wieder vergisst, dass sie sich bei allen Klischees vom Surferparadies auch unter der kalifornischen Sonne stellen: "Dark necessities are part of my design. Do you want this love of mine? Darkness helps us all to shine."

Wobei wir auch schon beim zweiten bemerkenswerten Punkt des Albums wären: Die Red Hot Chili Peppers sind dann irgendwie doch nicht jünger geworden. Im Konzert darf so bei allem freilich gegebenen musikalischen Nachdruck und Fleas Wahnsinn am Bass tempomäßig gut und gerne die angezogene Handbremse anstelle des reinen Funkrock-Freakouts regieren - wenn die Performance auch bis zum Ende sportiv ausfällt und die Mittfünfziger plus Nesthäkchen Josh Klinghoffer bubenhaft zwischen Dreiviertelhose und Baseballcaps ungefähr so ausschauen, als würden sie aus dem Skatepark dann aber schleunigst nach Hause müssen.

Wie heißt es nach 105 Spielminuten folgerichtig in der letzten Zugabe des Abends, ehe vor allem Anthony Kiedis fluchtartig das Weite sucht? "What I’ve got you’ve got to give it to your mama!"

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