Alten ECM-Klang-Tugenden im Stil von Chick Coreas Return To Forever folgend, legt der französische Bassist Michel Benita sein zweites Album mit der Formation Ethics vor. Bekannt durch Koproduktionen mit dem englischen Saxofonisten Andy Sheppard und Trompeter Paolo Fresu, setzt Benita hier auf Grenzüberschreitungen. Vom fernöstlichen Klang der Koto-Spielerin Mieko Miyazaki, dem an Fresus romanische Posaunen-Wehmut gemahnenden Mat-thieu Michel bis hin zum nordisch-kühlen elektronischen Experimentalsound Eivind Aarsets bietet das Quintett ein breites musikalisches Spektrum.

Benita hält sich ebenso wie Drummer Philippe Garcia im Hintergrund, agiert aber wirkungsmächtig-tieffrequent wie sein Vorbild Dave Holland. "River Silver" (ECM/Lotus) ist ein wohltuendes, elektronisch verbrämtes Album, das Unaufgeregtheit mit den originellen Klangerlebnissen der ECM-"New Series" verbindet und so für Soundkultur und Wohlklang steht. Gerhard Strejcek

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Als Lightspeed Champion hat sich Dev Hynes im Indie-Gitarren-Pop/Rock getummelt. Sein anderes - aktuelles - Projekt Blood Orange war von vornherein weiter gefasst. Aber selbst unter dieser Prämisse nimmt sich Album Nummer drei, "Freetown Sound" (Domino), aus, als wäre durch alle stilistischen Barrieren eine Granate gebrettert.

Vor den Ohren des erstaunten und bisweilen vor Ehrfurcht erstarrenden Hörers entfaltet Hynes ein Hörspiel um Sex und Sexismus, Religion, obrigkeitliche Gewalt und Rassismus, das musikalisch mit einer Mischung aus elegantem Pop, zartestem R&B, klebrigen Synthie-Balladen, Rap, Soul und Anklängen an Jazz wie eine Wundertüte daherkommt und 17 Stücke durch (gesampelte) Zitate aus Quellen von der Bibel bis zur Tagesaktualität dramaturgisch schlüssig verkettet. Ebenso "grenzenlos" ist die Liste der Gäste - von der Spoken-Word-Künstlerin Ashlee Haze über die Sängerin Kelsey Lu bis zu Debbie Harry und Nelly Fur-tado. Bruno Jaschke

Anders als in Amerika gehört die US-Rockband Grateful Dead in europäischen Haushalten nicht zwingend zu einer guten Plattensammlung der 60er und 70er Jahre. Drei Jahrzehnte, von 1965 bis 1995, gab es die Formation um Jerry Garcia und Bob Weir, aber die meisten verbinden mit ihr keine spezifischen Songs, sondern eher ausufernde Live-Auftritte, bei denen die Soli oft kein Ende nahmen. Wie gut einige Nummern der "Dankbaren Toten" tatsächlich sind, zeigt nun das mit fünf CDs üppige Tribute "Day Of The Dead" (4AD).

Initiiert von Aaron und Bryce Dessner von The National, hat sich hier eine beeindruckende Riege von Musikern eingefunden und 59 Songs neu eingespielt. The War On Drugs, Bill Callahan, Bonnie "Prince" Billy, Wilco, Lucinda Williams, Anohni und natürlich The National - das sind nur einige der Namen, die den "Toten" die Ehre erweisen. Eine wahre Schatztruhe, beileibe nicht nur für Fans des Originals.

Andreas Wirthensohn

Wenn selbst "Drogen und Psychologen" (so der Titel von Doctorellas Debüt von 2012) nicht mehr weiterhelfen, bleibt nur noch eine Lösung für unsere seelischen Leiden: die Musik. Sandra und Kerstin Grether und ihr Projekt Doctorella sind die Umsetzung der fröhlichen Theorie des Popfeminismus in die bittere Wirklichkeit der Musikindustrie im frühen 21. Jahrhundert. Der katastrophalen Tendenz unserer Zeit setzt das Duo auf "Ich will alles von dir wissen" (Bohemian Strawberry/ZickZack) zwölf Lieder voll glaubhaften Optimismus, mitreißender Emphase und mädchenhafter Souveränität entgegen; Lieder, die ein Licht ins Dunkel noch der trübsten Wintertage werfen.

Stücke also wie die furiose Apotheose "Du bist immer noch mein Idol" oder die zu Tränen rührende Liebesballade "Heißluftballon" mit der Hoffnung auf eine Levitation, die es in sich hat: "Einmal im Leben / über allem schweben / dem Horizont entgegen."

Uwe Schütte

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Es kommt nicht oft vor, dass ein Musiker erst mit dem siebenten Album sein Meisterwerk vorlegt. Beim zuletzt von Publikum & Kritik sträflich unterschätzten und vernachlässigten englischen Sänger und Multiinstrumentalisten Ed Harcourt war das aber in diesem Jahr eindeutig der Fall: "Furnaces" (Polydor) ist ein großer, mächtiger Wurf geworden.

Eine Art Konzeptalbum, verhandelt es die Verdunkelung heutiger Zeiten und die Zerrissenheit maskuliner Identität in einer kräftigen, auch vor Bombast und Drone-Elementen nicht zurückschreckenden Klangsprache. Repräsentativ im an- und abschwellenden Song "Dionysus" ausgeführt, der nach zartem Klavier-Intro und hymnischen Zeilen mittendrin plötzlich klingt, als hätten Muse das Aufnahmestudio gekapert und sich des Instrumenta-
riums bemächtigt. Dann fährt ein engelsgleicher Chorus gen Himmel, bevor es wieder dröhnend in die Gegenrichtung geht. Solche Wechselbälge gibt es auf dem vielschichtigen Album einige - und man bekommt eine ungefähre Ahnung davon, wie Jeff Buck- ley geklungen haben könnte, wären ihm noch einige Jahre vergönnt gewesen. Gerald Schmickl