Dialektiker im Wechselspiel mit Form und Inhalt: Christopher Taylor alias Sohn. - © Phil Knott
Dialektiker im Wechselspiel mit Form und Inhalt: Christopher Taylor alias Sohn. - © Phil Knott

Dass Musiker mit englischer Muttersprache sich deutscher Titel bedienen, kann verschiedene Gründe haben: Es klingt für sie einfach gut, wie etwa für die Dirty Projectors der LP-Titel "Bitte Orca" - oder sie empfinden eine Faszination für das Idiom, wie sie The Fall in "Hotel Bloedel" und "Bremen Nacht" zelebrieren.

Eines der wesentlichsten und ernsthaftesten Motive für die Verwendung des Deutschen ist indes, dem, was vermittelt werden soll, besondere Dringlichkeit zu verleihen. Als mehrjähriger Wahlwiener weiß der Brite Christopher "Toph" Taylor, der unter dem Künstlernamen Sohn firmiert, warum er seiner neuen LP den Titel "Rennen" gegeben hat. Die letzten zwei Jahre, so hat es Taylor in Interviews bekundet, seien für ihn ein einziger Rush gewesen. Der überraschende, von Kritiker-Hymnen begleitete Erfolg des Sohn-Debütalbums "Tremors" hatte den Sänger, Komponisten, Pianisten und Elektroniker rund um den Globus geführt, was wiederum in einem Overkill an Eindrücken und Erfahrungen resultierte.

Da es so nicht weitergehen konnte, vergrub sich Taylor in einem abgelegenen Haus im nördlichen Kalifornien, holte zunächst einmal tief Luft und realisierte das, was ihm dabei so alles künstlerisch in den Sinn kam, in ausgedehnten Nachtschichten: ein "Rennen", aus der Perspektive des Rückspiegels betrachtet.



Taylor hatte bereits in den späteren Nullerjahren unter dem Namen Trouble Over Tokyo Aufmerksamkeit und durchaus auch Wohlwollen generiert. Mit deren melodramatischem, von der Anmutung her bisweilen Soft Cell und den Associates nicht unähnlichem Synthie-Pop hat allerdings seine Arbeit als Sohn nur mehr peripher zu tun. Vielmehr hat sich Taylor hier in die vertrackten Bereiche jener rhythmisch gebrochenen und variationsreichen elektronischen Musik begeben, die man (Post-)Dubstep nennt und die James Blake mit Erfolg und noch größerer Einflusswirkung in die Bereiche des Pop und R&B transferiert hat.

Antagonismus

Mit "Tremors" lieferte Taylor eine relativ stringente, flüssige Deutung dieser Spielart. "Rennen" ist zerrissener, disparater. Taylor gestattet sich, wie ja schon im Titel als Anliegen antagonistisch impliziert, einige tiefe Momente des Innehaltens. "Primary" scheint zunächst gut ohne Bewegung auszukommen, wird dann aber in einen angefunkten Rhythmus gejagt. Die anfängliche, fast spirituelle Versenkung im Schlusssong "Harbour" weicht - wie um vorzuführen, dass solche Momente Luxus sind - aufgeweckter Percussion und kräftigen Synthie-Schüben.

Nur der Titelsong selbst - damit wären wir wieder beim Antagonismus - rührt sich nicht vom Fleck. Eine gleichermaßen feierliche wie depressive Klavierballade mit verwischten Hintergrundflächen mutet an wie ein Gebet um Verständnis und Vergebung. Der Protagonist erzählt vom Loslassen- und Weggehenmüssen und scheint erleichtert, wenn auch nicht wirklich froh, sich in eine Art Kapitulation gefügt zu haben.

Nicht alle Inhalte sind so introspektiv. Bisweilen nämlich spricht Taylor mehr mit der Stimme eines kollektiven "Wir" statt eines individuellen "Ich". Ein öfter wiederkehrendes Motiv ist dabei ein unergründlicher innerer Zwang, wider bessere Einsicht etwas Falsches zu tun. "I believe in the system - everybody knows it’s wrong", heißt es etwa in der schönen Ballade "Proof". In "Dead Wrong", einer Art elektronischem Gospel, konstatiert Taylor: "It feels dead wrong and it probably is".

"Conrad" wiederum ist wohl eine Warnung vor den sedierenden Kräften der Verdrängung: Wir sehen Gefahren auf uns zukommen und ignorieren sie wie einst die Dinosaurier. In "Harbour" wie auch "Signal" wiederum sucht Taylor Zuflucht und Erlösung: "Give me shelter / let me be the man I wanted to be", fleht er.

Kontrapunkte

Ein Dialektiker auch im Wechselspiel mit Form und Inhalt, setzt Taylor mit seiner hohen Stimme und diversen digitalen Klangerzeugern indes auch öfter einmal belebende Kontrapunkte zu den Schattenwelten seiner Texte.

Dem Opener "Hard Liquor", in dem ein Mann den Alkoholismus seiner Lebens(abschnitts)partnerin schildert, eignet ein belebender, leichter Rockabilly-Einschlag, während "Conrad" als flotter Elektronik-Pop folgt. Tanz den Apocalypso.