"Ich glaube, dass viele Strukturen in unserer Gesellschaft von der Kunst herrühren" - Katie Stelmanis von Austra. - © Renata Raksha
"Ich glaube, dass viele Strukturen in unserer Gesellschaft von der Kunst herrühren" - Katie Stelmanis von Austra. - © Renata Raksha

"Future Politics" ist ein in jeder Hinsicht kühner Titel für eine Pop-Platte. Zum einen klingt er regelrecht nach Science-Fiction, denn Politik und Zukunft werden von einer immer größeren Anzahl von Menschen in immer stärkerem Maße als sich ausschließendes Gegensatzpaar erlebt.

Zum anderen hat einer weitverbreiteten Doktrin nach ein solcher Titel nichts im Pop verloren. Zwar demonstriert die Dancefloor- und Electronica-Fraktion, der "Future Politics" weitgehend zuzurechnen ist, hin und wieder gerne auch Politik-Bewusstsein - man denke nur daran, wie nonchalant die Pet Shop Boys mit Worten wie "Bourgeoisie" und Namen wie Che Guevara und Tony Blair um sich werfen. Doch viel mehr als eine Art (pseudo-)intellektuellen Aufputz für hedonistische Ekstase gibt solch gepflegtes Namedropping kaum her. Weit eher wird Politik im Pop als Spaßverderber verstanden. Gestützt wird diese etwas einfältige Lesart zumeist auf die Prämisse, dass Pop und generell die Kunst keine geeigneten Träger für politische Inhalte seien.

Solchen Argumenten kann Katie Stelmanis, die mit ihrer Band Austra ebenjene "Future Politics" aus der Taufe gehoben hat, überhaupt nichts abgewinnen. "Grundsätzlich finde ich es gegenwärtig enorm wichtig, dass Kunst Einfluss auf das Leben nimmt", erklärt sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Ich glaube auch, dass viele Strukturen in unserer Gesellschaft von der Kunst herrühren. Nehmen wir die Hippie-Bewegung der 60er und 70er Jahre. Diese Bewegung war sehr subversiv, als sie aufkam. Und mit der Zeit sickerte sie in den Mainstream und in die Politik. Das Problem war nur, dass die Idee der Freiheit zu einer Freiheit des Marktes verdreht wurde und letztlich auf Neoliberalismus hinauslief. Aber es ist wichtig, zu erkennen, dass kulturelle und so-ziale Bewegungen das Potential haben, politischen Einfluss zu gewinnen."



Stelmanis sieht die Pop-Szene auch keineswegs als die eskapistische, an politischen Fragen uninteressierte Schein- und Fluchtwelt, als die sie gerne hingestellt wird. "Vielmehr ist es so, dass sich darin jetzt mehr Leute politisch äußern. Selbst eine Beyoncé, die sich bisher nie politisch geäußert hat, macht eine politische Platte. Schon erstaunlich."

Als Kind im Opernchor

Katie Stelmanis, Sängerin, Pianistin und Komponistin, ist 31, lettischer Abstammung, in Toronto geboren und heute nach etlichen Ortswechseln wieder dort wohnhaft. Sie hat eine klassische Musikausbildung, als Kind in einem Opernchor gesungen, nach der Highschool in der Riot-Grrrl-Band Galaxy gespielt und 2008 mit
"Join Us" ihr erstes Album unter eigenem Namen veröffentlicht.

Etwas später gründete sie Austra. Mit an Bord nahm sie die oft etwas gelangweilt wirkende, aber im wahrsten Wortsinn schlagkräftige Drummerin Maya Postepski - eine Mitstreiterin schon seit Galaxy-Tagen, deren Stellenwert sich unter anderem auch in der Tatsache manifestiert, dass sie "Future Politics" mitproduziert hat. Der versierte Bassist Dorian Wolf und - bei Live-Auftritten - der Keyboarder Ryan Wonsiak ergänzen das Line-up. Der Name Austra ist übrigens schlicht und ergreifend Katies zweiter Vorname und mehr hat es damit, wie sie versichert, nicht auf sich. Lettische Mythologie hin, Göttin des Lichts her.

Auf den bisherigen beiden Platten, "Feel It Break" (2011) und "Olympia" (2013), exerzierten Austra eine fließende, meist mittelschnelle bis zügige, houselastige Spielart von Dancefloor, der man ihre organische Fertigung nicht immer sofort anhört. Das signifikante Element bleibt indes Stelmanis’ gutturale Stimme, die - wohl auch dank des "Operntrainings" - Extremlagen scheinbar anstrengungslos bewältigt. Wenn auch in manchen Phasen zweifelhaften Meisterinnen der Inbrunst wie Sarah MacLachlan, Dolores O’Riordan (Cranberries) oder gar Enya nicht ganz unähnlich, infil-triert diese beschwörende Stimme den "kalten" Elektroniksound mit einer reizvoll anmutenden Überspanntheit.

Im Prinzip sind alle diese Merkmale auch auf "Future Politics" herauszuhören. Und doch ist hier einiges anders: Das Tempo ist öfters gedrosselt, die rhythmischen Strukturen sind vertrackter, die Songs muskulöser und Stelmanis forciert ihre Stimme, wie gleich der Opener "We Were Alive" belegt, noch mehr als bisher. "Es ist auf diesem Album alles verarbeitet, was nur ging", erzählt sie. "Ich bin viel gereist, habe in mehreren Städten gelebt, habe viel gelesen und bin weit aus meiner Komfortzone herausgegangen, aus dem Drang heraus, neue Inspiration zu finden."

In der finalen Phase der Produktion verbrachte Stelmanis einige Zeit in Mexico City. Hier habe sie, lässt der Waschzettel ihres Labels Domino wissen, "eine ganze Generation lateinamerikanischer Produzenten kennengelernt, die Folkmusik mit Techno-Beats mischt". Das indes gibt "Future Politics", wie die Künstlerin selbst sagt, nur unterschwellig wieder.