Wien. Von der Plattenfirma kommt die gnädige Erlaubnis, über das Machwerk berichten zu dürfen. Allerdings bestehe ein "Tracklisting-Embargo", was bedeutet, dass bis auf die bereits bekannten Vorab-Auskopplungen keine Songtitel genannt werden dürfen.

Das ist zwar absurd. Angesichts der Tatsache, dass die US-R&B-Sängerin mit dem Namen, den man sehr wohl bekanntgeben darf - sie heißt Kehlani und wurde, soweit die Bringschuld, 1995 als Kehlani Parrish in Oakland geboren -, schon länger auf der Watchlist steht und so etwas wie ein Superstar werden soll, ist ein wenig industrieseitiges Tamtam, das man auch Nervosität nennen könnte, aber wohl angebracht.

Das kommende Woche erscheinende Debütalbum hat mit "SweetSexySavage" (Atlantic/Warner Music) jedenfalls einen Titel (wir dürfen diesen gleichfalls erwähnen). Er soll so etwas wie die Wesens-Dreifaltigkeit unserer Heldin erklären, wobei man sich am Ende der 17 einerseits Konventionen folgenden, andererseits auch nur selten angriffigen Songs doch eher wundert, was an Kehlani nun wild sein soll. Gut, die Frau hat mehr Tätowierungen als der durchschnittliche Schwerverbrecher oder Fußballprofi und außerdem ein Stück Metall in der Nase. Das galt vielleicht einmal als wild. Vor einem Vierteljahrhundert. In Österreich. Unter Pensionisten.

Zum Thema "sweet" ist zu sagen, dass von Kehlani geraunte und geseufzte Songzeilen wie "Everything is yours" süß auf den Hörer (wir wählen hier bewusst die männliche Form!) einwirken sollen. In Sachen "sexy" enthalten wir uns. Wir sind für Kehlani bereits entschieden zu alt. Ziemlich sicher sind geraunte und geseufzte Songzeilen wie "Everything is yours" aber auch explizit "sexy" gemeint. R&B, so viel ist bekannt, gilt als musikalischer Schlüssel für die Schlafzimmertür, als Säge für den Keuschheitsgürtel, als Bombe für den Sex. Musikvideos von Kehlani haben hohe Klickraten aufzuweisen. Es gibt dafür einen Grund.

Nach zwei Mixtapes, von denen "You Should Be Here" im Jahr 2015 mit einem Platz Nummer fünf in den US-R&B/Hip-Hop-Charts reüssieren sollte, scheint sich die Sängerin derzeit auch von ihrem Vorleben freizuspielen. Realbiografisch blickt die junge Frau bereits auf den frühen Tod ihres Vaters, Drogenprobleme der Mutter und eine eigene Phase ohne festen Wohnsitz zurück. Als im Vorjahr ein Shitstorm in den sozialen Medien über Kehlani hereinbrach, reagierte diese wenig später mit einem Foto, das einen Suizidversuch nahelegte. Es folgte daraus eine weitere notwendige Debatte über Hass im Netz. Der Karriereweg wiederum bringt eine Ex-Mitgliedschaft bei der Teenieband Poplyfe mit sich, die in der TV-Show "America’s Got Talent" mit einem Queen-Medley vorstellig wurde.

Angesichts dessen könnte man von einer Jugendsünde sprechen. Oder von einem Hemmschuh für jemanden, der heute als hip gelten will.

Im Formationstanz koloraturjodeln


Auf "SweetSexySavage" hört man nun zwar nahe am Zeitgeist gehaltenen Neo-R&B mit schöngeistigen Keyboardflächen und Effekten aus dem Hause Auto-Tune. Allerdings ist es, wie bereits die Single "Distraction" vorwegnahm, bis zu den Niederungen des Pop in Form eines Formatradiorefrains niemals weit. Der eine Song, von dem man nicht sagen darf, wie er heißt, kommt zusätzlich mit käsigen hispanischen Zupfgitarren daher, der nächste sülzt uns kitschballadistisch entgegen. An anderer Stelle (nennen wir den Song "Embargo", "xx" oder "WTF?") koloraturjodelt Kehlani auf eine Art, die Britney Spears im Formationstanz vor dem geistigen Auge auftauchen lässt.

Der Spalt zwischen Anspruch, Behauptung und Wirklichkeit übersetzt sich übrigens auch so, dass sich Kehlani am 17. März in Wien zwar in einem Hippe-Menschen-Club, der Grellen Forelle, präsentiert. Bald darauf sollte sie unter dem Ö3-Logo dann aber in Mehrzweckhallen die Massen unterhalten. Wollen. Müssen.